Ausgabe November 1990

Offener Brief an die alten Männer

Ist der Zug angekommen? Laut Fahrplan schon. Seit dem 3. Oktober sind wir ein Volk. Doch existiert bisher lediglich ein fahles Hinweisschild mit den frischen Lettern: Deutschland. Ansonsten wirkt das erst jüngst hinter uns gelassene Provisorium wesentlich solider, als die Großbaustelle, auf der wir uns nun befinden. Dieses wesentlich provisorischere Neu-Deutschland läßt die folgenden Gedanken nicht veraltet erscheinen. In einem Moment, wo sich Geschichtslosigkeit auszubreiten droht, weigern sich die Autoren, sich auf der Baustelle einzurichten. Wir kommen in dieser historischen Stunde mit unserem Aufsatz zu spät; er reflektiert die Reiseerfahrungen unmittelbar vor der Zielankunft. Als Reisebericht der unter Dreißigjährigen versucht er...

... die Sprachlosigkeit zu überwinden

Die Generation der Väter und Großväter sieht sich vor der Realisierung ihres Traumes, der schon ausgeträumt schien. Die deutsche Einheit. Mit im Zug sitzen wir, zwei Bundesdeutsche, Jahrgang 1962/63, die ungefragt mitzufahren das Vergnügen haben. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, unsere Gedanken zu dieser Zwangsfahrt mitzuteilen. Wir glauben, durchaus repräsentativ zu sein; wir wissen, daß wir die Zukunft sein werden, weil alte Männer nun mal wenig Zukunft haben 1).

Träume

Der Traum alter Männer war nicht unser Traum.

November 1990

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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