Ausgabe September 1990

Sowjetunion im Übergang

Die Sowjetunion durchlebt im fünften Jahr der Perestroika politisch entscheidende Monate. Das Land befindet sich in der klassischen Übergangsphase von einer gesellschaftlichen Organisationsform zur anderen: von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, vom Ein- zum Mehrparteiensystem, von der spätstalinistischen Diktatur zur parlamentarischen Demokratie, vom zentralistischen Einheitsstaat zur Konföderation. Die unvermeidlichen Erscheinungsformen des Übergangs sind sichtbar - Anarchie, Zerfall, Chaos, Doppelherrschaft, Kriminalität... Der Kompaß, der den rettenden Ausweg aus dieser Lage zeigen soll - die Perestroika - befindet sich selbst in desolatem Zustand. Gorbatschows Revolution von oben fand bis heute viel zu wenig Unterstützung von unten. Die Demontage alter Strukturen in Gesellschaft, Staat, Partei und Wirtschaft vollzieht sich teilweise schneller als die Entstehung neuer Strukturen. Bruttosozialprodukt und Industrieproduktion sind absolut rückläufig. Die schwere Wirtschaftskrise ist gekoppelt mit einer prekären Versorgungslage wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dies erzeugt dramatische soziale Spannungen. Nationalitätenkonflikte erschüttern das Riesenreich und stellen seinen Bestand in Frage.

Schließlich schlägt der Zusammenbruch des Realsozialismus in den bisherigen osteuropäischen Bruderländern auf das Kernland des Sozialismus selbst zurück.

September 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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