Ausgabe März 1991

Das baltische Drama und die Deutschen

Das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit richtet sich zur Zeit auf den Krieg am Golf. Unser Engagement - ob für oder gegen den militärischen Einsatz - ist selbstverständlich. Weniger selbstverständlich scheint ein solches Engagement hinsichtlich des Dramas zu sein, das sich im Schatten dieses Krieges im Baltikum vollzieht. Hängt unser Verhalten vielleicht auch damit zusammen, daß wir nicht so recht wissen, wofür und wogegen wir Partei ergreifen sollen? Schließlich ist das Schicksal der baltischen Republiken nicht losgelöst von dem aller nach Selbständigkeit verlangenden Republiken und darüber hinaus auch vom Schicksal der Perestroika selbst zu sehen.

Wie das Drama ausgehen wird, weiß niemand mit Sicherheit zu sagen, auch wenn immer wieder diejenigen als die eigentlichen Experten gelten, die das Schlimmste voraussagen: die gewaltsame "Lösung" des Problems durch Fallschirmjäger, "Schwarze Barette", den KGB. Ebenso schlimm: Selbst Kenner der Verhältnisse, die weniger sicher in ihrer Prognose sind, können einen solchen Ausgang keineswegs ausschließen. Er ginge einher mit einer inneren Entwicklung in der Sowjetunion, die für manche bereits eine Zustandsbeschreibung ist: Ein Rechtsruck unter Druck von Reaktionären jedweder Provenienz, der den Präsidenten Gorbatschow bestenfalls noch als Marionette figurieren läßt.

März 1991

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema