Ausgabe März 1991

Die Welt konnte nicht länger warten.

Rede des US-Präsidenten George Bush vom 16.Januar 1991 (Wortlaut)

Vor gerade zwei Stunden haben alliierte Luftstreitkräfte mit einem Angriff auf militärische Ziele im Irak und in Kuwait begonnen. Diese Angriffe dauern an, während ich spreche. Bodentruppen sind nicht beteiligt. Dieser Konflikt begann am 2. August, als der Diktator des Irak in ein kleines und hilfloses Nachbarland einmarschierte. Kuwait, ein Mitglied der Arabischen Liga und ein Mitglied der Vereinten Nationen, wurde zerschmettert, sein Volk brutal mißhandelt. Vor fünf Monaten hat Saddam Hussein diesen grausamen Krieg gegen Kuwait begonnen. Heute nacht haben wir den Kampf aufgenommen.

Diese Militäraktion, die in Übereinstimmung mit den Resolutionen der Vereinten Nationen und mit Zustimmung des Kongresses der Vereinigten Staaten unternommen wurde, folgt auf Monate fortgesetzter und praktisch endloser diplomatischer Aktivität von seiten der Vereinten Nationen, der Vereinigten Staaten und vieler, vieler anderer Länder. Arabische Führer suchten nach dem, was als arabische Lösung bekannt wurde, mußten aber zu dem Schluß kommen, daß Saddam Hussein Kuwait nicht verlassen wollte. Andere reisten nach Bagdad in einer Serie von Bemühungen, Frieden und Gerechtigkeit wieder herzustellen. Unser Außenminister James Baker hielt ein historisches Treffen in Genf ab, bekam aber nur eine totale Abfuhr. Am vergangenen Wochenende reiste der Generalsekretär der Vereinten Nationen in einem letzten Versuch, den Graben zu überbrücken, mit Frieden im Herzen in den Nahen Osten - seine zweite Mission dieser Art. Und er kehrte zurück, ohne irgendeinen Fortschritt dabei zu erzielen, Saddam Hussein zum Rückzug aus Kuwait zu bewegen. Die 28 Länder mit Streitkräften in der Golfregion haben alle vernünftigen Versuche, eine friedliche Lösung zu erreichen, ausgeschöpft; sie haben keine andere Wahl, als Saddam mit Gewalt aus Kuwait zu drängen. Wir werden nicht scheitern.

Während ich zu Ihnen spreche, werden militärische Ziele im Irak aus der Luft angegriffen. Wir sind entschlossen, Saddam Husseins Atombombenpotential auszuschalten. Wir werden auch seine Chemiewaffeneinrichtungen zerstören. Ein großer Teil der Artillerie und der Panzer Saddams werden zerstört werden. Unsere Operationen sind darauf angelegt, das Leben aller Angehörigen der alliierten Streitmacht durch den Angriff auf Saddams riesiges Militärarsenal nach Möglichkeit zu schützen. Nach ersten Berichten General Schwarzkopfs (Kommandeur der alliierten Truppen am Golf, d. Red.) verlaufen unsere Operationen nach Plan.

Unsere Ziele sind klar: Saddam Husseins Streitkräfte werden Kuwait verlassen, die legitime Regierung Kuwaits wird wieder in ihre rechtmäßige Stellung eingesetzt, und Kuwait wird wieder frei sein. Der Irak wird am Ende den Bedingungen aller relevanten Resolutionen der Vereinten Nationen entsprechen, und dann, wenn der Friede wiederhergestellt ist, ist es unsere Hoffnung, daß der Irak als friedliches und kooperatives Mitglied der Völkerfamilie leben und so Sicherheit und Stabilität am Golf erhöhen wird. Manche werden möglicherweise fragen: Warum jetzt handeln? Warum nicht warten? Die Antwort ist klar. Die Welt konnte nicht länger warten. Es gab kein Zeichen dafür, daß Sanktionen, auch wenn sie einen gewissen Effekt haben, ihre Ziele erreichen würden. Mit Sanktionen wurde es über gut fünf Monate hindurch versucht, und wir und unsere Verbündeten kamen zu dem Schluß, daß Sanktionen allein Saddam nicht aus Kuwait zwingen würden.

Während die Welt wartete, hat Saddam systematisch eine kleine Nation vergewaltigt und geplündert, die für ihn selbst keine Bedrohung darstellt. Er machte das Volk von Kuwait zum Opfer unaussprechlicher Grausamkeiten; und unter denen, die verstümmelt und ermordet wurden, waren unschuldige Kinder.

Während die Welt wartete, hat Saddam versucht, zu dem Chemiewaffenarsenal, das er besitzt, eine unendlich gefährlichere Massenvernichtungswaffe hinzuzufügen, die Atombombe.

Während die Welt wartete, während die Welt von Frieden und Rückzug sprach, hat sich Saddam Hussein eingegraben und massiv Truppen nach Kuwait verlegt.

Während die Welt wartete, während Saddam Zeit zu gewinnen suchte, entstand weiterer Schaden für die zerbrechlichen Volkswirtschaften der Dritten Welt, für die entstehenden Demokratien in Osteuropa, für die ganze Welt, einschließlich unserer eigenen Wirtschaft. Die Vereinigten Staaten haben gemeinsam mit den Vereinten Nationen alle uns zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft, diese Krise zu einem friedlichen Ende zu bringen.

Trotzdem hatte Saddam offensichtlich das Gefühl, die gegen ihn gerichteten Kräfte dadurch schwächen zu können, daß er die Vereinten Nationen hinhält und bedroht und mißachtet.

Während die Welt wartete, begegnete Saddam Hussein jedem Friedensangebot mit offener Verachtung.

Während die Welt für den Frieden betete, bereitete Saddam sich auf Krieg vor. Ich hatte gehofft, als der Kongreß in einer historischen Debatte einen entschlossenen Schritt tat, daß Saddam erkennen würde, daß er sich nicht durchsetzen kann, und daß er entsprechend den Resolutionen der Vereinten Nationen aus Kuwait abziehen würde. Er hat es nicht getan. Statt dessen blieb er unnachgiebig, sicher, daß die Zeit auf seiner Seite sein werde. Saddam ist immer und immer wieder gewarnt worden, daß er die Anordnung der Vereinten Nationen erfüllen und Kuwait verlassen solle oder vertrieben werde. Saddam hat alle Warnungen arrogant zurückgewiesen. Statt dessen versuchte er, dies zu einem Konfliktgegenstand zwischen Irak und den Vereinigten Staaten von Amerika zu machen.

Er scheiterte. Heute nacht haben 28 Nationen aus fünf Kontinenten - Europa und Asien, Afrika und die Arabische Liga - Streitkräfte in der Golfregion, die Schulter an Schulter gegen Saddam Hussein stehen. Diese Länder hatten darauf gehofft, daß der Einsatz von Gewalt vermieden werden könnte. Bedauerlicherweise müssen wir jetzt annehmen, daß allein Gewalt ihn zum Abzug veranlassen wird. Vor dem Befehl an unsere Truppen zur Schlacht habe ich unsere militärischen Befehlshaber beauftragt, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit wir uns so schnell wie möglich durchsetzen und die amerikanischen und alliierten Männer und Frauen in den Streitkräften im höchstmöglichen Maße geschützt werden. Ich habe dem amerikanischen Volk schon früher gesagt, daß dies kein weiteres Vietnam sein wird, und ich wiederhole dies hier heute nacht. Unsere Truppen haben die bestmögliche Unterstützung der ganzen Welt, und man wird von ihnen nicht verlangen, mit einer auf den Rücken gefesselten Hand zu kämpfen. Ich hoffe, daß die Kämpfe nicht lange dauern werden und die Zahl der Opfer auf ein absolutes Minimum beschränkt wird.

Dies ist ein historischer Moment. Wir haben im vergangenen Jahr große Fortschritte dabei gemacht, die lange Ära des Konflikts und des Kalten Krieges zu beenden. Wir sehen vor uns die Möglichkeit, für uns selbst und für kommende Generationen eine neue Weltordnung zu schaffen, eine Welt, in der die Regeln des Gesetzes, nicht das Gesetz des Dschungels das Verhalten der Nationen untereinander bestimmen. Wenn wir Erfolg haben - und wir werden ihn haben -, haben wir eine echte Chance auf diese neue Weltordnung, eine Ordnung, in der eine glaubwürdige UNO ihre friedensichernde Rolle einsetzen und so die Hoffnungen der Gründer der Vereinten Nationen erfüllen kann. Wir haben keinen Streit mit dem irakischen Volk; in der Tat bete ich für die Sicherheit derjenigen, die unschuldig in diesen Konflikt verwickelt sind. Unser Ziel ist nicht die Eroberung des Irak; es ist die Befreiung Kuwaits.

Es ist meine Hoffnung, daß das irakische Volk selbst jetzt noch seinen Diktator davon überzeugen kann, daß er seine Waffen niederlegen, Kuwait verlassen und so dem Irak erlauben muß, wieder in den Kreis der friedliebenden Nationen zurückzukehren. Thomas Paine schrieb vor vielen Jahren: "Dies sind die Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen." Diese wohlbekannten Worte sind heute sehr wahr, doch selbst in dem Moment, in dem Flugzeuge der multinationalen Streitmacht den Irak angreifen, denke ich lieber an Frieden als an Krieg. Ich bin nicht nur davon überzeugt, daß wir uns durchsetzen werden, sondern auch, daß aus dem Horror der Schlacht die Erkenntnis folgen wird, daß keine Nation gegen eine geeinte Welt stehen kann; keiner Nation ist ein brutaler Angriff auf ihren Nachbarn erlaubt.

Kein Präsident kann leichthin unsere Söhne und Töchter in den Krieg schicken. Sie sind die Besten der Nation. Unsere Armee ist eine reine Freiwilligen-Armee, großartig ausgebildet, hoch motiviert. Die Soldaten wissen, warum sie dort sind; und hören wir darauf, was sie sagen, denn sie haben es besser gesagt, als es jeder Präsident oder Premierminister jemals könnte. Hören wir "Hollywood" Huddleston, Unteroffizier der Marineinfanterie. Er sagt: "Laßt uns diese Leute befreien, damit wir nach Hause gehen und wieder frei sein können." Und er hat recht. Die furchtbaren Verbrechen und Folterungen, die Saddams Handlanger an dem unschuldigen Volk von Kuwait begangen haben, sind ein Affront gegen die Menschheit und eine Herausforderung an unser aller Freiheit. Hören wir einen unserer großartigen Offiziere da draußen, den Generalleutnant der Marineinfanterie Walter Boomer. Er sagt: "Es gibt Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen.

Eine Welt, in der Brutalität und Gesetzlosigkeit ungehindert durchgehen dürfen, ist nicht die Welt, in der wir in Zukunft leben wollen." Hören wir Hauptfeldwebel J.P. Kendall von der 82. Luftlandedivision. "Wir sind hier nicht bloß wegen des Preises für eine Gallone Benzin. Was wir tun, ist, die Zukunft der Welt für die nächsten 100 Jahre festzulegen. Es ist besser, jetzt mit diesem Kern fertig zu werden als in fünf Jahren." Und zum Schluß sollten wir alle ganz genau Jackie Jones, einem Armeeleutnant, zuhören, wenn sie sagt: "Wenn wir ihn damit davonkommen lassen, wer weiß, was als nächstes sein wird? "

Ich habe "Hollywood" und Walter und J.P. und Jackie und alle ihre tapferen Kameraden an den Waffen aufgerufen, zu tun, was getan werden muß. Heute nacht sind Amerika und die Welt ihnen und ihren Familien zutiefst dankbar. Lassen Sie mich jedem, der heute nacht zuhört oder zuschaut, sagen: Wenn die Soldaten, die wir entsandt haben, ihre Arbeit beendet haben, bin ich entschlossen, sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen. Heute nacht, während unsere Streitkräfte kämpfen, sind sie und ihre Familien in unsere Gebete eingeschlossen.

Möge Gott jeden einzelnen von ihnen und von den alliierten Streitkräften an unserer Seite am Golf segnen.

Und er möge fortfahren, unsere Nation zu segnen, die Vereinigten Staaten von Amerika.

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