Ausgabe Mai 1991

Bulgarien im Übergang

Die Zeit, in der ein Volk, das seiner politischen Rechte beraubt war, sie wieder erwirbt, stellt eine Periode gefährlicher Krisen dar. Dieser Gedanke, von Tocqueville vor anderthalb Jahrhunderten ausgesprochen, gilt auch für die politischen Prozesse in Bulgarien. Dabei scheint es, dieses Land sei in Vergessenheit geraten und irgendwie außerhalb der osteuropäischen Revolutionen verblieben. Viele, die die achtzehn Monate seit der "Palastrevolution" in Sofia von außen verfolgt haben, vermissen die "große Veränderung"; sie brachten keine Sensationen und keine charismatischen politischen Führer hervor.

Aber für die Bulgaren war dies eine Zeit großer politischer Dynamik, dramatischer Wendungen und nationaler Besonderheiten. Die Eigenart des bulgarischen Weges zur Demokratie zeigte sich bereits an seinem Beginn. Die Tatsache, daß eine erfolgreiche "Palastrevolution" von Funktionären der kommunistischen Partei ohne Druck von außen vollzogen wurde, bewies zum einen, daß es in Kreisen dieser Partei die Fähigkeit zu politischer Initiative gibt, und zum anderen die Anfangsschwäche der oppositionellen Kräfte. Beide Seiten dieser Medaille zeigten sich auch in den Ergebnissen der ersten freien Wahlen am 10./17.

Mai 1991

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.