Ausgabe Oktober 1991

Rücktrittserklärung Michail Gorbatschows als Generalsekretär der KPdSU vom 24. August 1991 (Wortlaut)

Das Sekretariat und das Politbüro der KPdSU haben sich nicht gegen den Staatsstreich gestellt, das Zentralkomitee konnte keine entschiedene Position der Verurteilung und des Widerstandes einnehmen. Es hat die Kommunisten nicht für den Kampf zum Schutz der verfassungsmäßigen Gesetzlichkeit aufgerufen. Unter den Verschwörern waren Mitglieder der Parteiführung; eine Reihe von Parteikomitees und Massenmedien unterstützten die Handlungen der Staatsverbrecher.

Dies hat Millionen Kommunisten in eine verlogene Situation gebracht. Viele Parteimitglieder lehnten es ab, mit den Verschwörern zusammenzuarbeiten, verurteilten den Umsturz und nahmen am Kampf gegen ihn teil. Niemand hat das moralische Recht, alle Kommunisten wahllos zu beschuldigen. Und ich halte es als Präsident für meine Pflicht, sie als Bürger gegen grundlose Beschuldigungen zu verteidigen. Unter diesen Umständen muß das ZK der KPdSU die schwere, aber ehrliche Entscheidung über eine Selbstauflösung treffen.

Das Schicksal der Parteiorganisationen in den Republiken und vor Ort müssen diese selbst bestimmen. Ich halte die weitere Ausübung der Funktion des Generalsekretärs der KPdSU für mich für nicht mehr möglich und lege die entsprechenden Vollmachten nieder. Ich glaube, daß die demokratisch gesinnten Kommunisten, die sich den Glauben an die verfassungsmäßige Gesetzesordnung und den Kurs für eine Erneuerung der Gesellschaft erhalten haben, für die Gründung der Partei auf neuer Grundlage eintreten.

Diese ist zusammen mit allen progressiven Kräften fähig, aktiv für die Fortsetzung eines grundlegenden demokratischen Wandels im Interesse der arbeitenden Menschen einzutreten.

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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