Ausgabe Juli 1992

CSFR: Die Stunde der Irrationalität

Auch heute kann man gelegentlich noch hören oder lesen, daß es den Tschechen in Österreich-Ungarn gut gegangen sei und sie keinen Grund gehabt hätten, an der Zerstörung der alten Monarchie so aktiv mitzuwirken. Danach werden in der Regel alle die Vorteile aufgezählt, die die Tschechen in dem k.u.k. Staat genossen, vom eigenen Schulwesen bis zum Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung. In diesem Sinne hat sich sogar Golo Mann in seinem Artikel zum 70. Jahrestag der Tschechoslowakei in der "Zeit" geäußert. Mag dies alles auch zutreffen, eine wichtige und letztlich entscheidende Komponente wird in solchen Betrachtungen ausgeblendet: Die innere Befindlichkeit eines Volkes, die sich eben von außen schwer nachvollziehen läßt.

Die Tschechen des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind schon souverän genug, um den Vorwurf der Zerstörung der Monarchie lächelnd hinzunehmen, mit der Anmerkung, heute wüßte man die Vorteile des Vielvölkerstaates zu schätzen und von einem "Völkergefängnis" könne natürlich keine Rede sein. Ihre Vorfahren aber konnten damals nicht anders, sie fühlten sich unterdrückt, und die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität stellte für sie die Krönung des emanzipatorischen Prozesses dar.

Juli 1992

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema