Ausgabe Juni 1993

Läßt sich die nachholende Neugründung wiederholen?

Die alte Bundesrepublik ist, aus bekannten historischen Gründen, nicht von den zukünftigen Bürgern dieser neu zu schaffenden demokratischen Republik durch eigenes politisches Handeln konstituiert worden. D.h. die Bewohner des Territoriums der neuen Republik waren nicht selbst, vermittelt durch die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung und öffentliche Debatten, an den Konflikten über die Formullierung des Verfassungstexts und am Ratifizierungsverfahren in Form eines Referendums beteiligt. Das Gemeinsame der Bewohner der neuen Republik war so erst einmal nicht der wechselseitig anerkannte Bürgerstatus, sondern die zugeschriebene Mitgliedschaft in der Abstammungsgemeinschaft eines imaginären deutschen Volkes und in einer als vorläufig deklarierten Staatsanstalt. Deutsches Volk und deutscher Staat figurierten in der politischen Imagination seit den Anfangsjahren der alten Bundesrepublik als vorgängige, geschichtsübergreifende Kollektivsymbole gegenüber ihrer politischen Form als Republik.

Damit blieb für die Deutschen lange unverstanden, daß die Gründung einer Republik, eingedenk der katastrophalen Vorgeschichte eines Territoriums, gerade einen geschichtlichen Kontinuitätsbruch bedeutet, auf die Schaffung von etwas geschichtlich Neuem zielt, nämlich eine Gesellschaft von gleichen und freien, politisch handlungsfähigen Bürgern.

Juni 1993

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.