Ausgabe Juni 1993

Politik begründen!

Was (wem warum) zusammen gehört / Stellungnahmen zum Thema Deutschland begründen (II)

Die deutsche Einheit bedarf keiner Begründung. Es war nur natürlich, daß die Menschen in der DDR, sobald sie Gelegenheit dazu hatten, ein unnatürliches Regime abschüttelten, für das es gute Gründe nicht gab; nicht aus nationalem Überschwang, sondern weil es in jeder Hinsicht unterlegen war: wirtschaftlich, sozial, demokratisch. Die "Nation" war für die Menschen in der früheren DDR vor allem ein Vehikel, zu Freiheit und Wohlstand zu gelangen.

So betrachtet war das Streben nach der deutschen Vereinigung, vor allem aus östlicher Perspektive, ein normaler Vorgang.

Trotzdem rechtfertigt dies nicht, daß die Deutschen nach der Vereinigung, nach dieser "unerhörten Begebenheit" (Wolf Lepenies), einfach zur Tagesordnung übergingen. Notwendig gewesen wäre eine öffentliche Debatte, in der das geistige und politische Profil des neuen Deutschland auch im Streit hätte sichtbar werden können, seine Traditionsbezüge zwischen 1871, 1933 und 1949 ebenso wie die Folgen der Vereinigung für Deutschland selbst und für Europa. Es gibt, so meine ich, kein Begründungsdefizit der deutschen Einheit, wohl aber ein dramatisches Begründungsdefizit der deutschen Politik, das nach 1989 nur besonders sichtbar und eklatant geworden ist und das in der Tat, wie mir scheint, die wichtigste hausgemachte Ursache für die Politikverdrossenheit ist.

Juni 1993

Sie haben etwa 17% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 83% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.