Ausgabe April 1994

Das ethische Minimum der Demokratie

Von einer normativen Integration politischer Gemeinwesen kann man nicht naiv sprechen. Bestenfalls kann davon die Rede sein im h i s t o r i s c h e n Sinne, und zwar in bezug auf traditionale, stratifikatorisch differenzierte politische Gemeinschaften, in denen alle politischen Handlungen - und eben auch die steuernden des Staates - bezogen blieben auf ein einheitliches religiöses Weltdeutungssystem. Und schlimmstenfalls könnte davon die Rede sein in bezug auf t o t a l i t ä r e Staaten, die versuchen, auch noch die sinnhaften Bedingungen ihrer Existenz in herrschaftliche Regie zu nehmen. Von jenem historischen Fall unterscheidet sich der moderne demokratische Staat sowohl durch das explosionsartige Wachstum der sozialtechnischen Mittel, mittels deren er steuernd und reglementierend auf die Gesellschaft einwirkt, als auch durch eine tiefgreifende Säkularisierung und Pluralisierung der Weltbilder, in bezug auf die politische Entscheidungen gerechtfertigt werden.

Und von dem Projekt des totalitären Staates unterscheidet sich der liberale Staat durch die Anerkennung des Umstands, daß ihm die Bedingungen seiner sinnhaften Reproduktion eben selbst nicht zur Disposition stehen. Als liberaler Staat (nicht als demokratischer!) zehrt er passiv von ethischen Ressourcen, die er innerhalb seines eigenen Regelwerks selbst nicht reproduzieren kann.

April 1994

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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