Ausgabe Februar 1994

Die neuen Mehrheiten vor der alten Misere

Rußland zwischen Parlamentarisierung und Präsidialherrschaft

I

Seit etwa einem Jahr eskalieren die Konflikte an der politischen Oberfläche Rußlands. Dies drückt weniger eine neue Stufe oder einen neuen Charakter des schwierigen Reformprozesses aus, als vielmehr eine weitere Akzentuierung. Die konstitutiven Elemente sind unverändert: Die durch die Erschöpfung des traditionellen sowjetischen Modells und die Umstellungsversuche schwer erschütterte Ökonomie, die Untersteuerung und Insuffizienz der Politik, die Vervielfältigung der Aktionsräume und Eliten, die ungeklärte Verfassung des Staates und selbst der Konstitution, zunehmende soziale Verwerfungen und Entregelungen u.a.m. sind und bleiben für lange Zeit die Rahmenbedingungen der Transformation und des auf sie bezogenen Handelns.

Während die Zwischenbilanz von Systemwandel und Systemwechsel neben vielen Instabilitäten und Risiken auch zahlreiche positive Elemente und Chancen zu nennen hat, werden die Herausforderungen für aktuelle Politik inner- und außerhalb der sich wandelnden Länder eher von der anhaltenden Instabilität bestimmt. Immer neue Erschütterungen und Eruptionen sind nicht ungewöhnlich: Transformationen dieser Größenordnung rufen Abwehr und Gegenkräfte hervor. Viele Menschen, auch ganze soziale Gruppen, sind geistig desorientiert und verlieren materiell. Es sind keine allgemein verbindlichen Spielregeln mehr durchsetzbar.

Februar 1994

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema