Ausgabe Juni 1994

Dilemma Bosnien

Der bosnische Krieg, der bis heute etwa 160 000 Menschenleben gekostet hat, ist beileibe kein Fußballspiel. Er wird aber so geführt. Interpreten, die den Krieg als spontanen Ausbruch eines alten Hasses oder als teuflisch inszeniertes Werk eines einzelnen Mannes, einer Kaste oder eines ganzen Volkes deuteten, haben sich weitgehend zurückgezogen. Hier kämpfen in verschiedenen "Spielen" bewußt und aus freien Stücken, mit großem, aber nicht grenzenlosem Einsatz drei "Mannschaften" gegeneinander. Sie erkennen dabei Regeln an, die sie bisweilen gezielt verletzen. Was getreten wird, ist allerdings kein Ball. Natürlich ist der Vergleich zynisch, aber es ist nicht der Zynismus des Autors, der sich darin spiegelt, sondern der der Akteure, die diesen Krieg tatsächlich wie ein Spiel führen; "igre", Spiele, ist in balkanischer Politik ein terminus technicus.

Der Schiedsrichter als Spielverderber

Sieht man von den konkreten Erscheinungen des Krieges ab, von Zerstörung, Vertreibung, Mord und Vergewaltigung, so liegt der entscheidende Unterschied zwischen der abstrakten Struktur eines Fußballspiels und dieses Krieges in der Person des Schiedsrichters. Nicht nur, daß es ihm an der Macht fehlt, das grausame Spiel abzubrechen oder einzelne Spieler zu relegieren. Er ist vielmehr zugleich Partei.

Juni 1994

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema