Ausgabe Juni 1994

Dilemma Bosnien

Der bosnische Krieg, der bis heute etwa 160 000 Menschenleben gekostet hat, ist beileibe kein Fußballspiel. Er wird aber so geführt. Interpreten, die den Krieg als spontanen Ausbruch eines alten Hasses oder als teuflisch inszeniertes Werk eines einzelnen Mannes, einer Kaste oder eines ganzen Volkes deuteten, haben sich weitgehend zurückgezogen. Hier kämpfen in verschiedenen "Spielen" bewußt und aus freien Stücken, mit großem, aber nicht grenzenlosem Einsatz drei "Mannschaften" gegeneinander. Sie erkennen dabei Regeln an, die sie bisweilen gezielt verletzen. Was getreten wird, ist allerdings kein Ball. Natürlich ist der Vergleich zynisch, aber es ist nicht der Zynismus des Autors, der sich darin spiegelt, sondern der der Akteure, die diesen Krieg tatsächlich wie ein Spiel führen; "igre", Spiele, ist in balkanischer Politik ein terminus technicus.

Der Schiedsrichter als Spielverderber

Sieht man von den konkreten Erscheinungen des Krieges ab, von Zerstörung, Vertreibung, Mord und Vergewaltigung, so liegt der entscheidende Unterschied zwischen der abstrakten Struktur eines Fußballspiels und dieses Krieges in der Person des Schiedsrichters. Nicht nur, daß es ihm an der Macht fehlt, das grausame Spiel abzubrechen oder einzelne Spieler zu relegieren. Er ist vielmehr zugleich Partei.

Juni 1994

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.