Ausgabe Juli 1995

Berlusconiland

Italien hat mal wieder gewählt. Zwölf Volksbefragungen lagen den italienischen Bürgern am 11. Juni zur Abstimmung vor. Die Ergebnisse und die Art, wie sie zustande gekommen sind, machen vor allem eines deutlich - und bestätigen damit einen Trend, der seit geraumer Zeit zu beobachten ist: Die Talfahrt Italiens ins politische Abseits innerhalb der Europäischen Union wurde nicht gestoppt. Sie hält trotz aller Bemühungen und guten Absichten der Interrimsregierung Dini unvermindert an. Die Schuld - falls davon gesprochen werden kann - ist jedoch nicht bei den Italienern und ihren zum Ausdruck gebrachten Entscheidungen zu suchen, sondern bei denjenigen, die politische Verantwortung tragen und Macht verwalten bzw. usurpiert haben.

Italiens Bürger haben sich bei den zur Abstimmung stehenden äußerst komplexen und heterogenen Fragen, die von der Neuordnung der Ladenschlußzeiten und des Zwangsaufenthalts von Mafiosi über die der Entrichtung von Gewerkschaftsbeiträgen und das kommunale Wahlrecht bis hin zur Neugestaltung des TV-Sektors reichten, im wesentlichen für die Beibehaltung des Status quo entschieden. Ihre Überlegungen sind einfach nachzuvollziehen: Warum sollte groß etwas verändert werden, wenn man einerseits mit dem bisherigen einigermaßen zurechtkam und andererseits unklar ist, was das Neue wirklich bringt.

Juli 1995

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Vom Einsturz zum Aufbruch: Die Protestbewegung in Serbien

von Krsto Lazarević

Rund 110 000 Menschen füllen am 1. November die Fläche vor dem Hauptbahnhof in Novi Sad, um der Opfer zu gedenken, die ein Jahr zuvor unter dem einstürzenden Vordach starben. Für die seit Monaten Protestierenden steht der Einsturz nicht für ein bauliches, sondern für ein politisches und gesellschaftliches Versagen: ein sichtbares Symbol für Korruption und ein zunehmend autokratisches System.

Keine Tugend ohne Tatkraft

von Philipp Lepenies

2026 jährt sich die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten zum 250. Mal. Sie ist neben der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 das wohl wichtigste Dokument der politischen Moderne. Mit der Herrschaft von Donald Trump stellt sich die Frage, ob die Demokratie in den USA noch gesichert ist.