Ausgabe Oktober 1999

Die neuen Barbaren

Das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende begann als eine Zeit der Hoffnung. Millionen Menschen waren von dem Traum einer neuen Epoche gefesselt. Der Sieg des Westen über den Osten erschien als Triumph von Freiheit und Unternehmungsgeist. Niemand aus dem Osten beklagte die Niederlage im "Kalten Krieg", lag der Wohlstand doch in greifbarer Nähe. Alles, was die Länder aus dem Osten dafür tun mußten, war, sich wieder der "Weltzivilisation" anzuschließen und in das "Gemeinsame Europäische Haus" einzutreten. Aber schon wenige Jahre später wichen die großen Hoffnungen der Skepsis. Mitte der 90er Jahre wurde es nicht nur unvermeidlich, den Traum vom Wohlstand aufzugeben, auch das westliche Demokratiemodellschien wackelig auf den Beinen und kaum mehr fähig, die eigenen Probleme zu lösen. Die liberale Wirtschaftsordnung, zur natürlichen Basis der politischen Freiheit proklamiert, geriet zunehmend in Widerspruch zu eben dieser; und es gewannen solche Stimmen an Kraft, die in den demokratischen Institutionen Hindernisse für den freien Markt sehen und ihre Ausmusterung forderten. Im Westen rufen heute viele Ökonomen und Soziologen das letzte Jahrhundert des Römischen Reiches in Erinnerung. In dieser Zeit wuchs ein Gefühl der Schwäche, vorrübergehend verdrängt von unerwarteten Erfolgen.

Oktober 1999

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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