Nach 50 Jahren ihres Bestehens hat die Bundesrepublik, 1949 ausdrücklich als Provisorium gegründet, bereits die Dauer des deutschen Kaiserreichs übertroffen, dessen entsprechendes Jubiläum in das Jahr 1921 gefallen wäre. Mit diesem Rekord an Stetigkeit neuerer deutscher Geschichte korrespondiert das relativ geringe Interesse an der Bundesrepublik als historischem Phänomen. Die katastrophischen Zeiten, vor allem das "Dritte Reich", und mittlerweile auch die düsteren polizeistaatlichen ebenso wie die kulturell skurril anmutenden Seiten der DDR, scheinen die Aufmerksamkeit der historisch interessierten Öffentlichkeit weitgehend zu absorbieren. Zudem wird mitunter argumentiert, es sei seit 1989/90 anachronistisch geworden, die Geschichte der Bundesrepublik gesondert zu untersuchen. Deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg könne nur noch als deutsch-deutsches Wechselverhältnis beschrieben werden. Diese Auffassung ist nur scheinbar plausibel und nur partiell richtig. Natürlich stellt sich Deutschland im 20. Jahrhundert (bis 1990) als "dreifache Zeitgeschichte" (Hans Günter Hockerts) des in das "Dritte Reich" mündenden Nationalstaats und der beiden Nachfolgestaaten Bundesrepublik und DDR dar.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.