Ausgabe Mai 2000

Wessen ethnische Säuberung?

Der Millenniumswechsel legt die Frage nahe, welche - ungelösten Probleme wir vom vergangenen Jahrhundert geerbt haben. Eines davon stellt der Balkan dar. Keine andere Region hat im 20. Jahrhundert so vielen auswärtigen Imperien derartige Schwierigkeiten bereitet. Das Osmanische Reich erlebte dort seinen Niedergang und den Sturz des Jahres 1912. Österreich-Ungarn nahm einen Mordanschlag in Sarajevo zum Anlaß, den Ersten Weltkrieg auszulösen, der 1918 den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie herbeiführte. Mussolinis Italien und Hitlers Drittes Reich überfielen den Balkan, besetzten ihn, konnten ihn aber nie vollständig unterwerfen. Und Stalins Sowjetreich erlitt seinen ersten Rückschlag, als Titos Jugoslawien 1948 erfolgreich ausbrach. Lange Zeit hindurch zog die Balkanhalbinsel ausländische Mächte als verlockendes Spielfeld an.

Für gewöhnlich verwandelten sie diese in eine Wüstenei anhaltender Zerstörung und Blutvergießens. Aber es gab auch Rückwirkungen nach innen. Indem sie die Nationen des Balkans gegeneinander ausspielten und entweder zu Vasallen oder unversöhnlichen Feinden machten, hinderten die Imperien diese Völker daran, normale Beziehungen untereinander zu unterhalten und ihr politisches Leben über das Stadium von Satrapien oder Kleindespotien hinaus zu entwickeln.

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