Ausgabe November 2002

Transatlantische Interessen

Die Irakfrage war nicht der erste Streitpunkt zwischen Europa und den USA. Von den Debatten um das Kyoto-Protokoll, den Internationalen Strafgerichtshof und die Todesstrafe bis zu den gegenseitigen Strafzöllen und diplomatischen Rüffeln war das Klima zwischen den beiden Kontinenten nach dem Kalten Krieg von einer schleichenden Uneinigkeit bestimmt, die nun auf beiden Seiten als Kluft empfunden wird. Sicherlich unterscheiden sich die Weltbilder trotz gemeinsamer Wurzeln und gleicher Grundwerte. Spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges wurden diese Unterschiede immer deutlicher. Das kann auch eine globalisierte Konsumkultur nicht ausgleichen.

Doch nicht um transatlantische Kulturen geht es hier, sondern um Interessen. Denn mit dem Ende des Kalten Krieges zerfiel eine bilaterale Welt in vier ungleich große Teile - in die Wirtschaftsmächte Nordamerikas, Europas und Asiens sowie die Masse der Schwellen- und Entwicklungsländer. In einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft mussten die geostrategischen Interessen zwangsläufig aufeinander prallen. Weder Europa noch die USA können es sich leisten, diesen Konflikt über längere Zeit auszutragen. Zu verflochten sind sie in der so genannten Neuen Weltordnung. Zu ähnlich sind die Interessen. Dabei erscheint die Forderung, den Konflikt klar zu definieren, fast unerfüllbar.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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