Ausgabe Oktober 2003

Europa braucht einen magnetischen Kern

Blätter-Gespräch

Blätter: Im Streit um George W. Bushs Irakkrieg hat Europa die Stunde der Wahrheit geschlagen. Was nun? Zurück – oder vorwärts – zu "Kerneuropa"?

Karl Lamers: Die Idee, dass die gesamte EU – mit demnächst 25, 30 und mehr Mitgliedern – das leisten könnte, was wir immer von Europa erhofft haben, ist eine Illusion. Jedenfalls für die absehbare Zukunft. Leider gibt es auf Grund unterschiedlicher Europa-Vorstellungen schon innerhalb der jetzigen 15er-EU beachtliche Spannungen. Eine handlungsfähige Union wird ganz unmöglich sein, wenn es nicht einen magnetischen Kern, ein Gravitationszentrum gibt. Von den sechs Gründungsmitgliedern bleiben als treibende Kraft eigentlich nur Frankreich und Deutschland übrig.

Blätter: Zugespitzt stellt sich ja schon die Frage: Europa – als politische Größe – gibt es das überhaupt?

Lamers: Das ist auf den ersten Blick eine merkwürdige Frage, denn die Wirtschafts- und Währungsunion ist ja extrem politisch; sie greift in das Leben eines jeden Unionsbürgers unmittelbar ein. Trotzdem reden wir alle – ich auch – von dem Desiderat des politischen Europa. Was wir damit meinen, ist offen- sichtlich ein Europa, das der nicht-europäischen Welt gegenüber mit einer Stimme spricht, also das außenpolitisch handelnde Europa.

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