Ausgabe Oktober 2004

Hilflose Giganten

Die Wechselwirkung von Terrorismus und Terrorbekämpfung entwickelt eine enorme Eigendynamik. Hat diese eine gewisse Schwelle erst einmal überschritten, lässt sich ihr kaum noch Einhalt gebieten. Eine derartige Grenzüberschreitung fand Anfang September in Russland statt - mit gewaltigen Auswirkungen auf die bürgerlichen Freiheiten dort, auf den inneren Frieden im Kaukasus und womöglich auch auf das derzeit friedliche Verhältnis zwischen Russland und Amerika.

Dies veranschaulicht, warum Fragen des Nationalismus, des Irredentismus und der Religion - die üblichen Motive terroristischer Gräueltaten - so überaus gefährlich sind. Werden sie ignoriert oder fehlinterpretiert, schreibt man sie fälschlich internationalen Konflikten zu, so können sie ungeheuren Schaden anrichten. Man muss sich im Rahmen ihrer natürlichen Dimensionen mit ihnen auseinander setzen.

Gegenwärtig findet in Sachen Terrorismus eine Art Wettbewerb statt, so etwas wie eine Auktion. Fehlgeleitete Reaktionen, aus dem Geiste der Selbstgerechtigkeit heraus, heizen die Dynamik der terroristischen Interaktion an, konditionieren die nächste Gräueltat, die ihrerseits darauf abzielt, die nach dem vorhergehenden Anschlag erlittene Vergeltung in den Schatten zu stellen.

Sie haben etwa 17% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 83% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Europa

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.