Ausgabe Januar 2006

Das Manifest der Sprachlosen

So schnell die Wellen medialer Erregung sich auftürmten, so schnell haben sie sich wieder gelegt: Weder kam es zu einer um Verstehen bemühten intellektuellen Auseinandersetzung mit den meist als bloße „Krawalle“ bezeichneten französischen Jugendprotesten, noch zu einer Anerkennung dieser in Ausmaß und Ziellosigkeit neuen Art der Konfliktartikulation in westlichen Industriestaaten. Ausschließlich als Unruhen wahrgenommen, wurde den gewalttätigen Protesten allein mit den Mitteln des Sicherheitsstaates begegnet, obwohl sie zugleich ein eklatantes Problem des republikanischen Wohlfahrtsstaates zum Ausdruck bringen.

Für die Intellektuellen Frankreichs und Europas boten die nächtlichen Brandstiftungen schon deshalb keinen Anknüpfungspunkt für eine Parteinahme, weil sich keine klar artikulierte und diskutierbare politische Forderung erkennen ließ. Hierzulande beruhigte man sich sogleich mit dem Verweis, dass es keine vergleichbare Ghettoisierung von gesellschaftlichen Randgruppen gebe, die Integration also insgesamt auf dem richtigen Weg sei. Damit war die Debatte in der Bundesrepublik beendet, bevor sie beginnen konnte.

Besser ließ sich über Frankreich reden, das tatsächlich von einem mehrfachen Schock heimgesucht wurde: dem Schock über das Ausmaß der Gewalt, dem Schock über das Ausmaß der Desintegration und schließlich dem Schock über das Ausmaß der Ratlosigkeit.

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