Ausgabe Januar 2006

EU: Entbürokratisierung als Entdemokratisierung

War da was? Dies ist man ein gutes halbes Jahr nach Ablehnung des EU-Verfassungsvertrags durch Frankreich und die Niederlande geneigt zu fragen. Zumindest bei der EU-Kommission war die Krisenstimmung jedenfalls schnell verflogen; business as usual heißt die Devise. Mehr noch: Kommissionspräsident José Manuel Barroso nutzte die unter dem englischen Ratsvorsitz sich noch verstärkende antieuropäische Stimmung für eine höchst zweifelhafte Argumentation. Während die tatsächlichen Motive und Hintergründe der Abstimmungsergebnisse in Frankreich und den Niederlanden unterschiedlicher nicht sein könnten, will Barroso sie vor allem als Reaktion auf die ausufernde Regelungsmacht der EU verstanden wissen. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit in Europa müsse sich die Union deshalb auf wesentliche Kernbereiche besinnen und vor allem Bürokratie abbauen.

Bereits einige Monate vor den Referenden hatte Barroso vom Europaparlament eine Entschließung zur Lissabon- Strategie für Beschäftigung verabschieden lassen, deren schwammige Formulierungen der Deregulierung Tür und Tor öffneten. Der ideologische Rahmen war bereits lange vorher von Interessenverbänden vorgezeichnet worden: Seit Ende der 90er Jahre haben sich in Brüssel immer mehr Industrielobbys, vermehrt auch US-amerikanischer Herkunft, niedergelassen, die die Debatten der EU-Institutionen im Bereich der Lissabon-Strategie gezielt beeinflus- sen.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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