Ausgabe Oktober 2006

Václav Havel und die Deutschen

Eine persönliche Vorbemerkung sei mir gestattet: In den Jahren 1996 bis 1998 habe ich mindestens fünf Nekrologe auf Václav Havel schreiben müssen – die meisten unter höchstem Termindruck, weil der Präsident todkrank war. Später habe ich sie häufig aktualisiert, da seine Gesundheit immer wieder auf der Kippe stand. Jetzt darf ich aus freudigerem Anlass auf Havel zurückkommen: Er lebt, schreibt, polemisiert und wird am 5. Oktober d.J. 70 Jahre alt.

Eine große Rolle in Havels Leben spielen die Beziehungen zu Deutschland und den Deutschen. In seinem jüngsten Buch „Bitte kurz“ reflektiert er seine politischen Siege, aber auch manche Niederlagen – darunter solche, die ihm deutsche Politiker beigebracht haben.1 Bereits in seiner Hannoveraner Festrede zum deutschen Nationalfeiertag 1998 hatte Havel bekannt, dass ihm Ende 1989 Freudentränen gekommen seien, als er die „in die freie Welt“ abfahrenden DDR-Bürger und die ihnen freudig nachwinkenden Tschechen in Prag beobachtete. Was kommen würde, sah er klar – anders als manche Deutsche, woran er sie 1998 spöttisch erinnerte: „Zu Anfang der 70er Jahre, als es gefährlich war, mich zu besuchen, hat mich trotzdem hin und wieder einer meiner alten deutschen Freunde besucht. Und ich habe immer wieder nicht begriffen, warum sich diese, meine tapferen deutschen Freunde wundern, dass ich die deutsche Vereinigung mit der europäischen Vereinigung verbinde.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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