Ausgabe Juni 2010

Euro-Krise made in USA

Die Nachrufe auf den Euro demonstrierten, wie sehr die jeweiligen Temperamente, Nationalcharaktere und Kulturen divergieren: Die Europäer reagierten mit Grabesstimmung und düsteren Zukunftsgemälden, aber dennoch unbeugsam. Amerikaner und Engländer schaufelten fröhlich und selbstzufrieden Erde auf einen Sarg, der schon tief in der Grube lag. Ha, diese Europäer! Glauben doch tatsächlich, sie könnten den Märkten die Stirn bieten! Doch plötzlich, eines Montagmorgens im Mai, sprang der Sargdeckel auf und der Euro war wieder da, größer, besser und strahlender als zuvor!

Am Vortag, dem 9. Mai, hatte Bundeskanzlerin Merkel sich klugerweise nach Moskau verdrückt – sie wollte lieber bei der Siegesparade der Alliierten des Zweiten Weltkriegs auf dem Roten Platz zugucken als zu Hause am nordrhein-westfälischen Wahlsonntagabend eine demütigende Niederlage miterleben zu müssen. (Ihre Partei verlor dort, weil die Wählerinnen und Wähler ihr anlasteten, die lebenslustigen Griechen verprassten unter der ewigen Mittelmeersonne das Geld der Deutschen.) Und am gleichen Wochenende war Großbritannien ohne funktionierende Regierung, politisch enthauptet.

Noch vor Merkels Rückkehr hatten die Deutschen die Weiße Fahne gehisst. Die Euro-Krise war vorbei.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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