Ausgabe Juni 2010

Euro-Krise made in USA

Die Nachrufe auf den Euro demonstrierten, wie sehr die jeweiligen Temperamente, Nationalcharaktere und Kulturen divergieren: Die Europäer reagierten mit Grabesstimmung und düsteren Zukunftsgemälden, aber dennoch unbeugsam. Amerikaner und Engländer schaufelten fröhlich und selbstzufrieden Erde auf einen Sarg, der schon tief in der Grube lag. Ha, diese Europäer! Glauben doch tatsächlich, sie könnten den Märkten die Stirn bieten! Doch plötzlich, eines Montagmorgens im Mai, sprang der Sargdeckel auf und der Euro war wieder da, größer, besser und strahlender als zuvor!

Am Vortag, dem 9. Mai, hatte Bundeskanzlerin Merkel sich klugerweise nach Moskau verdrückt – sie wollte lieber bei der Siegesparade der Alliierten des Zweiten Weltkriegs auf dem Roten Platz zugucken als zu Hause am nordrhein-westfälischen Wahlsonntagabend eine demütigende Niederlage miterleben zu müssen. (Ihre Partei verlor dort, weil die Wählerinnen und Wähler ihr anlasteten, die lebenslustigen Griechen verprassten unter der ewigen Mittelmeersonne das Geld der Deutschen.) Und am gleichen Wochenende war Großbritannien ohne funktionierende Regierung, politisch enthauptet.

Noch vor Merkels Rückkehr hatten die Deutschen die Weiße Fahne gehisst. Die Euro-Krise war vorbei.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2020

In der Juni-Ausgabe analysiert die Journalistin Kate Aronoff, wie sich Corona-Pandemie, Verschuldung und Klimawandel im globalen Süden zu einer dreifachen Krise verschränken. Die Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman zeigen, wie die einst progressive Steuerpolitik der USA durch eine systematische Bevorzugung der Reichen abgelöst wurde. Der Agrarwissenschaftler Knut Ehlers und der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, plädieren für eine radikale Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Und »Blätter«-Redakteur Steffen Vogel ergründet den Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Popkultur.

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