Ausgabe September 2010

Die Lektion des Leninismus

Als die herrschende Politik den Kommunismus 1989 endgültig zum Unwort erklärte, erhielt er postwendend, doch zunächst unbemerkt, Asyl in der Philosophie. Den Anfang machte Jacques Derrida, ihm folgten Toni Negri, Michael Hardt, Jacques Rancière, Alain Badiou, Slavoj Žižek und andere. Hardt und Negris „Empire“ markierte die offensive Wendung, und heute meldet das Feuilleton, dass die Jugend den Philosophen „die Türen einrennt.“[1]

Wie dagegen ein Antikommunismus vorgeht, der diesem Phänomen Einhalt gebieten will, zeigt in der August-
Ausgabe der „Blätter“ Micha Brumlik.[2] Mit den von ihm als „Neoleninisten“ bezeichneten Philosophen teilt Brumlik die Diagnose, dass wir unter „postdemokratischen“ Bedingungen leben. Darunter ist eine Situation zu verstehen, in der die Demokratie zugleich absolut und leer geworden ist, weil – so Rancière – der „Streit des Volkes liquidiert“ und damit der Demos selbst passiviert wurde. Dies geschah in drei Zügen. Im ersten Zug wurden, in gewissen Grenzen unvermeidlich, die kollektive Willensbildung des Demos und die selbsttätige Äußerung dieses Willens, also der eigentliche demokratische Akt, in Apparaten und Prozeduren festgestellt und verregelt, die ihn zu „vertreten“ vorgaben.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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