Ausgabe September 2013

Ägypten: Mythos Militärdemokratie

Ägypten und Thailand haben wenig gemein, außer eines: In beiden Ländern haben gebildete Menschen, die sich stolz als Demokraten betrachten, letztlich zu unterschiedlichen Zeiten Militärputschen gegen ihre gewählten Regierungen applaudiert. Diese Menschen hatten zuvor viele Jahre lang repressiven Militärregimen Widerstand geleistet. Doch sowohl in Thailand im Jahre 2006 als auch vorletzten Monat in Ägypten waren sie froh, ihre neuen politischen Führungen gewaltsam abgesetzt zu sehen.

Dieser Widerspruch hat seine Gründe. Die gewählten Führer in beiden Ländern, Thaksin Shinawatra in Thailand und Mohammed Mursi in Ägypten, waren Paradebeispiele „illiberaler Demokraten“: Sie neigten dazu, ihren Wahlerfolg als Mandat zur Manipulation von Verfassungsnormen anzusehen und sich wie Autokraten zu verhalten.

Sie sind damit nicht allein. Tatsächlich sind sie vermutlich typische Beispiele für Führer von Ländern ohne oder ohne große demokratische Tradition und Kultur. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan etwa ist demselben Lager zuzuordnen. Und hätte man 1991 in Algerien den Führern der Islamischen Heilsfront gestattet, nach ihrem frühen Erfolg bei einer demokratischen Wahl die Macht zu übernehmen, hätten sie sich fast mit Sicherheit als illiberale Herrscher erwiesen.

Sie haben etwa 18% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 82% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.