Ausgabe Dezember 2015

Offenheit statt Abschließung

Ein Plädoyer für Europas großen Anspruch

Die eine Welt, die in den Eine-Welt-Läden auf naiv-kindliche Weise beschworen wurde: Nun gibt es sie wirklich. Die Flüchtlingsfrage, die nicht überraschend, in ihrer Wucht dann aber doch überwältigend auf die Tagesordnung gekommen ist, hat so gewaltige Dimensionen, dass sie mit dem herkömmlichen politischen Instrumentarium nicht zu bewältigen oder vorsichtiger: kaum anzugehen ist. Alles, was vertraut war und unabänderlich erschien, muss nun gewogen werden. Die aktuelle Lage erfordert, nun wirklich, einen Ruck – der Politik, viel mehr aber noch der Gesellschaft, der Bürger, der Wissenschaft, der Institutionen, der Kirchen und Denominationen (nicht nur der christlichen).

Um mit der Politik zu beginnen: Sie handelt deutschland- und europaweit ohne Kohärenz. Obwohl doch jeder weiß, dass das Flüchtlingsproblem nun wirklich ein globales ist, obsiegt im täglichen Kleinkampf doch immer wieder wie selbstverständlich die nationale Perspektive, ganz so, als sei ein Einzelstaat wie die Bundesrepublik Deutschland in der Lage, des Problems Herr zu werden. In der Selbstbezogenheit, mit der im Grunde alle Staaten der EU die neue Lage erörtern, wird schmerzhaft deutlich, dass Europa noch längst kein eigenständiger politischer Körper ist und noch nicht einmal von seinen Politikern so wahrgenommen wird.

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