Ausgabe Oktober 2015

Der monströse Zauberberg

Spätestens seit dem Roman „Die Elenden von Lódz´“ (2009) gehört Steve Sem-Sandberg zu den prägnantesten Autoren Europas. Seitdem wird gefragt, ob der 1958 geborene Schwede nicht eine literarische Rekonstruktion des Ghettos unter der Naziherrschaft wagt, die nur Zeitzeugen erlaubt sein sollte. Das verweist auf ein Dilemma unserer Kultur, die an diese für Europa immer noch konstitutive Vergangenheit erinnern will, jedoch damit umgehen muss, dass immer mehr Augenzeugen sterben. Daher hilft die alleinige Vergegenwärtigung durch kanonische Werke wie jene von Primo Levi, Roman Polanski und Aleksandar Tišma nicht weiter. Irgendwann versinken auch Klassiker im Staub der Bibliotheken, bis es Namen sind, die keiner mehr kennt. Nur was durch aktuelle Beiträge tradiert wird, bleibt erhalten oder kann wiederentdeckt werden.

Dazu leistet Steve Sam-Sandberg mit „Die Erwählten“ einen wichtigen Beitrag. Er bedient sich der Mittel eines bildstarken, szenischen Romans für die Auseinandersetzung mit der Euthanasie am Beispiel einer Wiener Anstalt in der NS-Diktatur. Mit elf Jahren kommt Adrian Ziegler, der aus einem angeblich sozial und erbbiologisch „minderwertigen“ Elternhaus stammt, in die berüchtigte Klinik „Am Spiegelgrund“. Seine Aufsässigkeit, einschließlich einer Flucht, lassen ihn alle Stationen dieser Hölle durchlaufen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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