Ausgabe Juli 2016

Die offene Gesellschaft als ihr eigener Feind

Als vor gut einem Vierteljahrhundert der realexistierende Kommunismus implodierte, stürzte dieses Jahrhundertereignis zahlreiche Intellektuelle in veritable Identitätskrisen. Scheinbar geistig desorientiert durch den Wegfall der Ost-West-Konfrontation, in der man sich längst häuslich eingerichtet hatte, verlangten viele, sich umgehend auf die „Suche nach neuen Feinden“ zu machen.[1] Ist eine endgültig „entfeindete Demokratie“ (Ulrich Beck),[2] die ungeachtet eines offenbar „unstillbaren Bedarfs an Feindbildern“ angeblich gar keine wirklichen Feinde mehr „braucht“, nicht eine weltfremde Illusion? Manche wollten daher „mehr Mut zu echter Feindschaft“ machen (Wolfgang Sofsky),[3] obwohl sich zwischenzeitlich gerade kein passender Feind anzubieten schien. Man wandte sich gegen eine moralische Lähmung saturierter, durch und durch ökonomisierter Gesellschaften, die den irreführenden Eindruck erwecken, alles könne für anderes eingetauscht werden, so dass der Gedanke abwegig erscheinen muss, es könne notwendig werden, sich für sie zu opfern, wie es ein obsoletes, von den europäischen Nationalismen vereinnahmtes und endgültig ruiniertes Heldentum verlangt hatte.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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