Ausgabe Mai 2017

Gottes Güter für alle

Die verdrängte Lehre der Reformation

Zum 500. Reformationsjubiläum wird an vieles erinnert und der Reformator für vieles gelobt. Dass es bei seinem Protest zentral ums Geld ging, wird jedoch meist nicht in den Vordergrund gestellt. Dabei begann die Reformation mit der Kritik an einer ökonomischen Praxis der Kirche, nämlich dem Verkauf von Ablassbriefen. Luthers Protest hat sicher nur deswegen ein solch beispielloses Echo hervorgerufen, weil er sich nicht nur gegen theologische Positionen richtete, sondern auch gegen eine Praxis, die der Hierarchie der Kirche wichtig und zugleich immer mehr Christen suspekt war.

Luthers berühmte 95 Thesen vom 31. Oktober 1517 waren nämlich nicht der Anfang seines Aufbegehrens, sondern sie hatten einen Vorläufer: Luthers Thesen gegen die scholastische Theologie. Diese wurden bereits im Spätsommer 1517 geschrieben, gingen gleich in den Druck und waren theologisch ähnlich brisant wie die 95 Thesen – aber sie lösten eben bei weitem nicht dasselbe Echo aus, dass kurz darauf der Ablasskritik beschieden war.

Dass wir 500 Jahre später der eminent ökonomischen Seite der Lutherschen Kritik viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, hängt wohl damit zusammen, dass die Ablasspraxis der spätmittelalterlichen Kirche weithin als ein Relikt des vermeintlich finsteren und längst überwundenen Mittelalters angesehen wird.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.