Ausgabe Mai 2018

Das Zeitalter der Niederlagen

Bild: Hanser Verlag

„Ich schreibe seit über achtzig Jahren. Zuerst Briefe, dann Gedichte, Reden, später Geschichten, Aufsätze und Bücher, nun diese Skizze.“ Es ist der erste Satz in „Ein Geschenk an Rosa“, des letzten abgeschlossenen Buchs des vor einem Jahr gestorbenen britischen Schriftstellers, Malers und Booker-Prize-Trägers John Berger. In allen Gattungen brachte der 1926 Geborene Bücher heraus, dazu kamen noch Drehbücher und Theaterstücke, Gemälde und Zeichnungen. Von Anfang an war sein Schreiben politisch. „In der modernen Welt, in der jede Stunde Tausende von Menschen infolge von Politik sterben, kann Schreiben nirgends auch nur im Entferntesten glaubhaft sein, wenn es nicht von politischem Bewusstsein und politischen Prinzipien durchdrungen ist“, schrieb Berger apodiktisch. Dabei richteten sich seine Hoffnungen lange auf einen demokratischen Sozialismus, der immer wieder aufleuchtete, aber auch immer wieder mit Panzern und Granaten zerstört wurde – ob in Prag 1968 oder in Santiago de Chile 1973. Spätestens in seinen letzten beiden Lebensjahrzehnten verdüsterte sich seine Weltsicht, obwohl er stets weiter nach Hoffnungsschimmern suchte: So reiste er ins mexikanische Chiapas, um mit Subcomandante Marcos zu reden, oder er fuhr zu Protesten von Gegnern der real existierenden Globalisierung.

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In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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