Ausgabe Dezember 2019

Grundrente: Vermurkster Kompromiss

Eine Grundrente, die zehn Prozent über dem Niveau der Grundsicherung liegt – ohne dass umständliche Anträge bei einer Behörde eingereicht werden müssen. Das klingt doch mal nach einer Ansage für Niedriglohnbeschäftigte, die jahrzehntelang gearbeitet haben. Ab 2021 werden sie nicht mehr zum Sozialamt gehen und sich dort nackig ausziehen müssen, um ihre kargen Altersbezüge aufstocken zu lassen.

„Sich nackig ausziehen“: Dieser Begriff zog sich durch viele Meinungsbeiträge und Talkshows, die sich in den vergangenen Monaten mit der Grundrente befassten. Menschen, die 35 und mehr Jahre gearbeitet haben, kann es nicht zugemutet werden, so der Tenor der Grundrentenbefürworter, auf dem Amt um ein Almosen betteln zu müssen. Grundsicherungsberechtigte oder Menschen, die sie beraten, erzählen in der Tat, dass ein Antragsverfahren auf dem Sozialamt oft entwürdigend ist. Es gibt jedoch keine empirische Untersuchung darüber, wie viele Menschen sich auf dem Sozialamt entwürdigt oder nackig empfinden – und viele der dortigen Mitarbeiter setzen sich Tag für Tag dafür ein, dass die Prüfung eines in der Öffentlichkeit ständig als Almosen bezeichneten Rechtsanspruches dennoch in Würde stattfindet.

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