Ausgabe Juni 2019

Ungastlich oder gastlich: Der Kampf um den Sinn Europas

Die Wahl zum Europäischen Parlament, insbesondere der erneute Stimmenzuwachs dezidiert anti-europäischer Kräfte, hat die innere Zerrissenheit des Kontinents deutlich zu Tage treten lassen. Scheinbar wenden sich immer größere Teile der europäischen Gesellschaften von den viel zitierten „grundlegenden Werten“ der Europäischen Union ab. Diese historische Krise kommt keineswegs aus dem Nichts, wie ein Blick hundert Jahre zurück deutlich macht.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zweifelten viele Europäer, ob Europa je mehr war und ob es je mehr sein wird als ein geographischer Begriff. Paul Valéry etwa sprach 1919 von Europa als „westlichem Ausläufer Asiens“ und fragte sich, ob Europa je mehr sein können wird als ein Kontinent ohne „ursprüngliche“ und ohne zukünftige Bestimmung. Wie seinerzeit Valéry, so sehen auch wir uns heute dazu gezwungen, nachträglich neu zu bestimmen, wozu die Verflechtung der europäischen Lebensverhältnisse gut sein soll –diesmal aber unter dem Druck der aus dem Innern Europas aufkeimenden antieuropäischen Potentiale. Ausgerechnet derart schwer von der Gewaltgeschichte des 20.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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