Ausgabe Oktober 2019

Unsere armen Superreichen

Was für ein launiges Zusammenspiel: Derweil das Land wieder einmal über die Einführung einer Vermögensteuer diskutiert, hat das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ seine Liste der 1000 reichsten Deutschen veröffentlicht. An der Spitze, mit einem Vermögen doppelt so groß wie das der Nummer zwei, ein gewisser Dieter Schwarz, seines Zeichens Lidl-Gründer (gefolgt vom Aldi-Miteigentümer Theo Albrecht). Mit mehr als 40 Mrd. Euro ist das Schwarzsche Vermögen fast so groß wie der bundesrepublikanische Verteidigungshaushalt für das Jahr 2020. Und allein im vergangenen Jahr ist es um eine geschlagene Milliarde gewachsen.

Nun könnte man ja tatsächlich auf die Idee kommen, dass ein Einkommen von einer Milliarde pro Jahr durch keinerlei Tätigkeit gerechtfertigt, ja obszön ist, und dass bei einem Gesamtvermögen diesen Umfangs eine gewisse Erleichterung zugunsten der Allgemeinheit durchaus gerechtfertigt wäre. Schließlich heißt es wohl immer noch in Artikel 14 Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet.“ Doch prompt erhebt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (vom 13.9.2019) als „Vertreterin der ökonomischen Vernunft“ – böse Zungen würden sagen: des Großkapitals – warnend ihre Stimme, denn „die Milliarden liegen nicht einfach auf Festgeldkonten herum, sondern sind in der Regel in zahlreiche Investments gebunden. Das sollte bedenken, wer angesichts solch gewaltiger Zahlen die Frage nach der Wiedereinführung der Vermögensteuer für eine rhetorische hält.“ Wohl wahr, man könnte in den Milliardengewinnen durchaus ein Argument für höhere Steuern sehen – wenn denn diese Zahlen nicht so außerordentlich volatil wären, wie die FAZ weiß: „Diese Schätzungen sind allenfalls Momentaufnahmen, denn die Werte variieren und können natürlich auch sinken. Die BMW-Erbin Susanne Klatten kostete ihre Beteiligung an dem Kohlenstoffspezialisten SGL Karbon richtig viel Geld, in der Rangliste ging es gleich ein paar Plätze nach unten.“ Was für ein Absturz, in der Tat! So liegt Klattens Vermögen jetzt nur noch bei 15,3 statt bei vormals 19 Milliarden! Man sieht bereits ihre karge Schlafstätte unter Münchens Brücken vor sich. Wer dächte da nicht an die Tränen der Maria-Elisabeth Schaeffler, die 2009 fast ihren Konzern verzockt hätte, dann den Staat um Rettung anging – und heute laut „Manager Magazin“ von 2018 „nur“ noch auf Platz 6 der größten Familienvermögen rangiert. Doch all das sind Peanuts vor dem eigentlichen Drama: „Dass die Familie des Porsche-Erben Wolfgang auch künftig mit geschätzten 18 Milliarden in der Spitzengruppe geführt wird, wenn die unzähligen Diesel-Klagen entschieden sind, ist ebenfalls keine Selbstverständlichkeit.“ Keine Selbstverständlichkeit? Was für eine Ungeheuerlichkeit! Dabei sollen in den USA für den Diesel-Betrug schon Manager in den Knast gegangen sein. Bei uns hingegen droht weit Grausameres: die gesellschaftliche Ächtung durch Abstieg aus der Liga der Superreichen.

Der Autor des einfühlsamen Artikels, Sven Astheimer, wechselte übrigens 2018 laut FAZ-Selbstbeschreibung „in die Welt der Konzernbilanzen und Mittelständler: Seitdem leitet er die Unternehmensberichterstattung.“ Die Unternehmenseigentümer und ihre Manager werden es ihm danken. Bereits 2012 wurde ihm der „HR Journalismuspreis“ verliehen – aber nicht vom gleichnamigen Sender, sondern vom „Bundesverband der Personalmanager“. Wer wollte daran zweifeln, dass aus diesen Kreisen noch so mancher schöne Preis dazu kommen dürfte? 

Aktuelle Ausgabe März 2020

In der März-Ausgabe analysieren der Ökonom James K. Galbraith, der »Blätter«-Mitherausgeber Claus Leggewie und der Historiker Paul M. Renfro, wie die US-Demokraten Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl im November schlagen könnten. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann plädiert für die Wiederaneignung des Nationenbegriffs, den sie nicht den Rechten überlassen möchte. Der Umweltaktivist Bill McKibben setzt auf die Kraft der Sonne und des gewaltfreien Protests, um die Klimakrise noch aufzuhalten. Und die Soziologin Christa Wichterich beobachtet eine neue Welle transnationaler feministischer Bewegungen im Kampf für Geschlechtergerechtigkeit.

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