Ausgabe April 2020

Die Corona-Wahl: Biden statt Sanders

Die demokratischen Kandidaten Joe Biden und Bernie Sanders begrüßen sich am 15. März 2020 in einem CNN-Studio in Washington, DC

Bild: imago images / UPI Photo

Noch vor kurzem wurde Joe Bidens Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten für tot erklärt. Dann kam er mit großem Schwung zurück und beendete faktisch die Bewegung von Bernie Sanders, der seinen Außenseitersieg eine Zeit lang sicher zu haben schien. Wie hat Biden das geschafft? Darüber gibt es zwei Erzählungen: Eine ist für die Experten, die andere dürfte in die Geschichtsbücher eingehen.

Die Erzählung der Experten analysiert die demokratischen Vorwahlen mit Blick auf Sanders Kampagnenstrategie. Diese schien auf der Annahme zu basieren, dass es möglich wäre, die Nominierung so zu erlangen, wie es Donald Trump 2016 bei den Republikanern gelungen war: als Kandidat mit einer einfachen Mehrheit in einem zersplitterten Bewerberfeld, der schrittweise die zögerliche absolute Mehrheit gewinnt, wenn kein anderer Kandidat ein größeres Bündnis schmieden kann. Diese Strategie war alles andere als aussichtslos und schien nach den ersten drei Vorwahlen auch aufzugehen. In diesem Fall hätte Sanders – wie zuvor Trump – eine politische Partei zu seinen eigenen Bedingungen übernommen, ohne Zugeständnisse an die Parteigrößen. Das hätte ihm die Gelegenheit verschafft, seinen Willen durchzusetzen und die Demokraten nach seinem Bild neu zu formen. Sprich: Er hätte dem Establishment die Kapitulationsbedingungen diktiert.

Doch das übrige Feld konsolidierte sich, plötzlich und überraschend, rund um einen wieder auflebenden Biden. Und Sanders war auf diese Möglichkeit weder adäquat vorbereitet noch schwenkte er schnell genug um. Was vor dem Super Tuesday am 3. März noch nicht klar war, zeigt sich jetzt deutlich: Sanders ließ sich im Kulturkampf ein wenig zu weit nach links zerren, um die weiße Arbeiterklasse in dem Ausmaß für sich zu gewinnen, wie es ihm noch 2016 gelungen war. Zugleich blieb er in ökonomischen Fragen zu radikal, um die Vorstadtbewohner zu beruhigen und von sich zu überzeugen. Und als Sanders ein mögliches Comeback Bidens hätte voraussehen können – in den Tagen nach dessen Sieg in Nevada –, nutzte er dies nicht, um einer dieser beiden Gruppen zu versichern, dass sie seine Kampagne unterstützen könnten, ohne dabei eine linksradikale Revolution zu befördern. Im Gegenteil: Er vertrat – bewundernswert prinzipientreu oder irrsinnig trotzig – die These, was auch immer die kubanischen Kommunisten ihren politischen Gefangenen angetan hätten, seien ihre Alphabetisierungserfolge doch beachtlich.

Laut der Experten-Erzählung verlor Sanders also aufgrund seiner eigenen Entscheidungen: Er erwartete ein zersplittertes Bewerberfeld und einen Ansturm der Jungwähler, stand dann aber einem konsolidierten Feld gegenüber, während die Jungen zuhause blieben. Er hatte keinen Plan, wie er Unentschlossene oder Moderate gewinnen könnte und verlor genau so wie er gewinnen wollte: als ein Strömungskandidat bis zum Ende.

Diese Erzählung ist völlig plausibel. Und doch dürfte im historischen Gedächtnis eine andere Erzählung überdauern, die nicht um einen der Kandidaten kreist, sondern vielmehr das Coronavirus zum entscheidenden Akteur im demokratischen Drama macht. In dieser Erzählung bildet die Konsolidierung Bidens einen Nebenstrang im Ansteckungsdrama, in dieser Geschichte eines Amerika, das langsam das Ausmaß der Bedrohung durch das Coronavirus begriffen hat. Bidens rasanter Sieg wird unter dieselbe Rubrik fallen wie Universitäten, die Kurse ausfallen lassen und ihre Studierenden nach Hause schicken, oder wie leere Flughäfen und Touristenattraktionen. All dies sind Beispiele einer Flucht in die Sicherheit, der Preisgabe hochfliegender Pläne und großer Ambitionen zugunsten des Wunsches, einfach nur zu überleben. So entschied sich Michigan aus demselben Grund überwiegend für Biden, aus dem Biden und Sanders kurz vor der Abstimmung ihre Auftritte absagten: Dies ist jetzt die Corona-Wahl. Und gegenüber ihren krassen existenziellen Einsätzen muss der übliche politische Streit weichen.

In dieser Geschichte verblieb Sanders weniger Handlungsspielraum: Er hätte zwar mehr tun können, um die demokratischen Wähler ideologisch zu beruhigen. Aber trotz Bidens Alter und seiner verbalen Ausrutscher konnte sich ein vollkommener Außenseiter wie der Senator aus Vermont unmöglich als die nächstliegende Wahl für den Umgang mit einer solch tödlichen Bedrohung darstellen. Vor allem aber hatte Biden durch seine Verbindung zu Barack Obama einen unschätzbaren Vorteil als vertrauenswürdiger Kandidat. Kein noch so kluges sozialistisches Argument, dass Medicare for All die Behandlung von Coronavirus-Patienten erleichtern würde, konnte dem ehemaligen Vizepräsidenten seinen Status als sichere Bank nehmen.

Lassen sich diese beiden Erzählungen vereinen? In einem gewissen Maße ja: Man kann argumentieren, dass Sanders‘ Strategie Bidens Comeback ermöglichte und dieses dann durch das Coronavirus bestätigt wurde. Man kann auch sagen, dass Sanders ohne das Coronavirus das Rennen um einen weiteren Monat hätte verlängern können, aber ohne einen Plan, wie er mehr als nur seine treuen Anhänger erreicht, wäre er am Ende doch als Verlierer vom Platz gegangen.

Sanders‘ Anhänger können aber einen schwachen Trost aus dem Umstand ziehen, dass die Geschichtsschreibung zur Vereinfachung neigt. Und die einfachste Art, die vergangenen Wochen voll hektischer Politik und drohendem Unheil zu beschreiben, lautet: Welche Fehler er auch gemacht, welche Chancen er auch verpasst hat, letzten Endes verlor Sanders das Rennen nicht durch seine Entscheidungen. Bezwungen wurde er nur durch höhere Gewalt.

©The New York Times, Übersetzung: Steffen Vogel

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