Ausgabe Februar 2020

Australien in der Feuersbrunst

Ein totes Känguru auf Kangaroo Island

Bild: imago images / AAP

Für die Menschen vor Ort ist es die Apokalypse. Flammen lodern vor orangerotem Himmel, Rauchschwaden verdunkeln den Tag, die Luft reicht kaum zum Atmen. Tausende Australier sind vor den Bränden geflüchtet, mehr als 10 000 Feuerwehrleute sowie Reservisten der Armee kämpfen noch immer verzweifelt gegen die Flammenwände an und konnten doch nicht verhindern, dass ganze Gemeinden abbrannten. Bundesstaaten mussten den Notstand ausrufen, kilometerlange Küstenstreifen wurden zeitweise zu Verbotszonen für Touristen erklärt, hunderte Einheimische und Urlauber konnten nur noch per Schiff evakuiert werden, weil die Flammen sie einzuschließen drohten. Und in einem Vorort der Millionenmetropole Sydney wurde Anfang Januar ein neuer örtlicher Temperaturrekord erreicht: fast 50 Grad.[1]

Regen in Teilen der Brandregionen brachte Mitte Januar zwar etwas Entspannung, doch keine Entwarnung, denn die Feuersaison reicht üblicherweise bis in den März hinein. Mehr als zehn Mio. Hektar lagen da bereits in Schutt und Asche, eine Fläche, die in etwa einem Drittel der Bundesrepublik entspricht. Rund 30 Menschen sind gestorben, mehr als 2500 Häuser wurden zerstört und hunderte Millionen Tiere sind umgekommen.

Das alles hat eine neue Qualität, und zu Recht gilt die australische Brandkatastrophe nicht nur im Land selbst, sondern weltweit als Ereignis, das einen Vorgeschmack auf die dramatischen Folgen des Klimawandels gibt – wenn nämlich die mittlere globale Temperatur nicht nur, wie jetzt, um ein Grad, sondern um zwei, drei oder sogar um fünf Grad angestiegen sein wird.

Die Feuerkatastrophe als neue Normalität?

In Australien sind Busch- und Waldbrände eigentlich nichts Ungewöhnliches und eine Folge davon, dass das Klima auf dem Kontinent aufgrund seiner geographischen Lage überwiegend heiß und trocken ist. Doch so schlimm wie diesmal wüteten die Feuer in den betroffenen Regionen im Südosten des Landes noch nie, in denen auch die Bevölkerungsschwerpunkte liegen, darunter Sydney und die Hauptstadt Canberra.

So standen etwa im Sommer 1974/75 mehr als 100 Mio. Hektar Land in Flammen, allerdings hauptsächlich in Zentralaustralien; 2002 waren es 40 Mio. in der Region „Northern Territory“. In der Region im Südosten, in den Bundesstaaten New South Wales, Victoria und South Australia, stellen die nun zerstörten rund zehn Mio. Hektar aber einen Rekord auf. Zudem wirken sich die Folgen weit gravierender aus als bei den früheren, flächenmäßig größeren Megabränden. Dabei handelte es sich meist um Gras- und Buschland, in dem Feuer zur Normalität gehören und das sich schnell wieder regeneriert. In der aktuellen Brandsaison hingegen gingen auch viele Wälder in Flammen auf, und zwar mit einer ungeahnten Intensität. Selbst Eukalyptuswälder, die normalerweise zu feucht für große Brände sind, fingen Feuer. Oft explodierten regelrecht die Bäume, die große Mengen ätherische Öle enthalten. Es entstanden mitunter Feuerfronten, die 50, 60 Meter hoch und entsprechend schwer zu bekämpfen waren. Allein durch die Brände sind seit deren Beginn im September über 350 Mio. Tonnen Treibhausgase freigeworden, deutlich mehr als die Hälfte der kompletten CO2-Jahresemissionen des ganzen Landes, die 2018 rund 532 Mio. Tonnen betrugen.

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Die australische Regierung kommt langsam in der Realität an

Auch der Chef des Feuer-Zentrums an der Universität Tasmanien, David Bowman, bestätigt, dass die aktuelle Feuersaison für Australien „ohne Beispiel“ ist. Gleichzeitig erfüllen die Brände aber die Prognosen von internationalen und australischen Wissenschaftlern.[2] So warnte der Weltklimarat IPCC schon 2007 davor, dass durch den Klimawandel die Häufigkeit von Tagen mit extremem Feuerrisiko in Südost-Australien bis 2020 deutlich ansteigen werde. Auch eine von der australischen Regierung 2008 eingesetzte Kommission kam zu dem Ergebnis, dass die Buschfeuersaison intensiver und länger ausfallen werde. „Dieser Effekt verstärkt sich mit der Zeit, aber er sollte spätestens im Jahr 2020 direkt zu beobachten sein“, hieß es in ihrem Bericht. Eine ziemlich genaue Prognose, wie man heute weiß. Das Jahr 2019 war denn auch das wärmste und trockenste Jahr seit Beginn der Messungen im Jahr 1910, und am 17. Dezember wurde sogar ein nationaler Hitzerekord aufgestellt: Die Höchsttemperatur gemittelt übers ganze Land erreichte 41,9 Grad Celsius.

Die Morrison-Regierung und die Behörden hätten also vorgewarnt sein müssen. Den Einfluss des Klimawandels abzustreiten, ist angesichts solcher Erkenntnisse grotesk. Doch genau mit dieser Linie versuchte der Regierungschef, ein bekennender Freund der Kohleindustrie, anfangs das Problem wegzudrücken. Er wollte nicht zugeben, dass die Buschbrände von den Klimaveränderungen angeheizt worden sein könnten.

Wie wenig Problembewusstsein Morrison hatte, zeigte sich vor Weihnachten, als er einen – zunächst geheim gehaltenen – Urlaubstrip auf die Pazifikinsel Hawaii unternahm, während die Lage in den Brandregionen eskalierte. Den Urlaub musste der Premier wegen des öffentlichen Drucks in der Heimat zwar abbrechen, und er entschuldigte sich auch vor den Fernsehkameras. Doch es sollte noch ein mal drei Wochen mit einer immer dramatischeren Entwicklung in den Brandregionen dauern, bis er einigermaßen klare Worte zur Sachlage fand.

Es war ein Schritt Richtung Realität. Mitte Januar räumte Morrison in einem Interview ein, er erkenne inzwischen an, dass der Klimawandel für längere, heißere und trockenere Sommer verantwortlich sei. Das Ausmaß der Brände nannte er „beispiellos“. „Es ist eine Tatsache, dass wir in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus in einem ganz anderen Klima leben werden und unsere Widerstandsfähigkeit dafür verbessern müssen“, sagte er.[3]

Einen echten politischen und wirtschaftlichen Kurswechsel bedeutet das aber offenbar nicht. Zwar schloss der Premier in einem Interview nicht aus, seine Regierung könne ihre Klimapolitik „weiterentwickeln“, einschließlich der CO2-Reduktionsziele für 2030. Bisher hatte er eine Verbesserung der Klimaziele kategorisch ausgeschlossen – eine Linie, die sich angesichts der wachsenden Proteste im Land gegen die Regierungspolitik offenbar nicht mehr durchhalten ließ. Mehrere zehntausend Bürger in den Großstädten Sydney, Melbourne, Canberra, Adelaide und Brisbane hatten am Tag vor seinem Interview für eine entschlossenere Klimapolitik, einen Rücktritt Morrisons und mehr Geld für die Feuerwehrleute, die gegen die Brände kämpfen, demonstriert. Die Proteste waren von den Gruppen „Uni Students for Climate Justice“ und „Extinction Rebellion“ organisiert worden.[4] Doch eine radikale Verschärfung der CO2-Ziele, so nötig diese wäre, um Australien auf den Kurs des Paris-Weltklimaabkommens zu bringen, betreibt Morrison längst noch nicht.

Die unantastbare Kohle- und Erdgasindustrie

Zwar hat sich Australien bisher dazu verpflichtet, seinen Treibhausgasausstoß bis 2030 um 26 bis 28 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu senken. Klimaforschern zufolge ist das CO2-Ziel allerdings zu klein, um die im Pariser Klimaabkommen ausgehandelte Grenze von maximal 1,5 bis 2 Grad globaler Erwärmung nicht zu überschreiten. Zudem will die Regierung, um ihre CO2-Reduktion zu erreichen, auch Emissionsgutschriften aus der Übererfüllung früherer Kyoto-Ziele nutzen. Der Regierung geht es also nicht um wirkliche CO2-Reduzierung, stattdessen führt sie einen Buchhaltertrick vor. Auf der jüngsten Weltklimakonferenz in Madrid zählte die Delegation aus Canberra denn auch zu den Hauptbremsern. Sie setzte dort alles daran, die laxe Anrechnung ihrer geplanten „Heiße-Luft-Buchungen“ durchzusetzen – und war so zusammen mit anderen Ländern wie Brasilien und den USA für das enttäuschende Ergebnis der Konferenz verantwortlich.

In der Realität steigen Australiens Treibhausgasemissionen seit 2015 sogar wieder an, statt zu sinken. Eine der Ursachen ist, dass die konservative Regierung 2014 ein von der sozialdemokratischen Vorgängerregierung eingeführtes CO2-Handelssystem wieder abschaffte. Zentrales Element der Klimapolitik ist heute ein Fonds, aus dem große CO2-Verursacher wie Bergbau- und Industrieunternehmen für von ihnen erreichte Emissionsreduzierungen entschädigt werden – ein betont wirtschaftsnaher Kurs, der die nötigen Erfolge nicht bringt. Doch daran soll offenbar nichts geändert werden. Der in Bezug auf den Klimawandel „geläuterte“ Morrison betonte: „Wir werden unsere Emissionen weiter senken, ohne eine CO2-Steuer zu erheben, ohne die Strompreise zu erhöhen und ohne die traditionellen Industrien zu schließen, von denen die Australier in den Regionen abhängen.“

In dem rohstoffreichen Land bremsen die Interessen der mächtigen Energie- und Bergbauindustrie seit jeher die Umwelt- und Klimapolitik. Morrison und seine konservative Regierung aus Liberal Party und National Party stehen unverbrüchlich an ihrer Seite. Berüchtigt ist der Auftritt des heutigen Premiers im Parlament in Canberra, bei dem er, damals Schatzkanzler, einen schwarzen Brocken in die Höhe hielt und in messianischer Diktion ausrief: „Dies ist Kohle. Habt keine Angst, fürchtet Euch nicht.“

Trotz der australischen Unterschrift unter dem Paris-Vertrag gilt die Kohle- und Erdgas-Branche als unantastbar. So will Australien seinen Vorsprung als weltgrößter Kohleexporteur sogar noch ausbauen. Das Land prüft gegenwärtig fast 50 Kohleprojekte, die die derzeitige Fördermenge um insgesamt 400 Mio. Tonnen jährlich erhöhen würden – die umstrittene riesige Carmichael-Mine des indischen Kohle-Konzerns Adani im Bundesstaat Queensland mitgerechnet, die 60 Jahre lang betrieben werden soll. „Die Internationale Energie-Agentur prophezeit, dass die Kohle noch über Jahrzehnte die größte Quelle für die Stromproduktion bleiben werde“, sagte dazu Australiens Bodenschatzminister Matt Canavan. „Kohle wird ärmeren Ländern weiterhin helfen, zu wachsen und sich zu entwickeln.“[5]

Die Strategie des Wegduckens

Es geht um Milliardenumsätze, zehntausende Jobs und, dank der staatlichen Abgaben, auch um eine der größten Einnahmequellen der Regierung. Und nichts davon will Morrison gefährdet sehen, obwohl eine forcierte Umstellung auf Solar- und Windenergie gerade im sonnen- und windreichen Australien mehr Arbeitsplätze bringen würde, als in den fossilen Industrien wegfielen. Die alte Linie gilt trotz der aktuellen Feuerkatastrophe weiter – obwohl Australien beim Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 mit Ländern wie den USA weltweit einen der unrühmlichen Spitzenplätze einnimmt und mit seinen nur 25 Millionen Einwohnern allein für rund fünf Prozent der globalen energiebedingten CO2-Frachten verantwortlich ist, wenn man die Emissionen mitrechnet, die durch die Exporte von Kohle und Erdgas entstehen.

Noch glaubt Morrison, mit Durchhalteparolen die wachsende Kritik an seinem Umgang mit der Feuerkatastrophe abwehren zu können. Andere Generationen seien ebenfalls mit „Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Bränden, globalen Konflikten, Krankheiten und Dürre“ fertig geworden, befand der Premier in seiner Neujahrsansprache. „Das ist der Geist der Australier.“ Die Frage ist, wie lange die Regierung in Canberra diese Strategie des Wegduckens noch durchhalten kann – wie viel also von Australien in diesem Jahr noch abbrennen muss, bis Morrison und seine Regierung zur Vernunft kommen.

Bereits bei der Parlamentswahl im vergangenen Jahr hatte das Thema Klimawandel eine zentrale Rolle gespielt.[6] Morrison gewann nur knapp, dank der Unterstützung durch den klimaskeptischen Medienmogul Rupert Murdoch, der einen Großteil der australischen Medien kontrolliert. Inzwischen, nach Monaten im Feuersturm, spricht sich eine deutliche Mehrheit der Bürger für mehr Klimaschutz aus. Diese Mehrheit wird man nicht dauerhaft als „wild gewordene Verrückte aus den Innenstädten“ abkanzeln können, wie es der Vize-Regierungschef Michael McCormack tat.[7]

Australien ist bereits heute das Industrieland, das am heftigsten unter den Klimaveränderungen leidet. In den aktuellen Brandzonen haben extreme, langjährige Dürren und steigende Temperaturen den Boden für die aktuelle Katastrophe gelegt. Andererseits verzeichnet das Land vermehrt sintflutartige Regenfälle und Überschwemmungen. Hart getroffen wird auch das Weltnaturerbe des Great Barrier Reef, das wegen steigender Meerestemperaturen zugrunde zu gehen droht.

Die aktuelle Brandkatastrophe könnte nun den letzten Anstoß zum endgültigen Umkippen der öffentlichen Meinung gegeben haben, zumal Wirtschaftsexperten damit rechnen, dass die Kosten des Wiederaufbaus die sonstigen Folgen der Brände Australiens Wirtschaft erstmals seit fast dreißig Jahren in eine Rezession führen könnten. Richtig eng dürfte es für Morrison werden, wenn die skeptische Haltung gegenüber dem Klimawandel auch unter der ländlichen Bevölkerung und den Arbeitern in der Rohstoffindustrie schwindet – was mit jedem Tag der Katastrophe wahrscheinlicher wird. Spätestens dann wird hoffentlich der Weg frei für ein klimafreundliches Australien.

 

[1] „Hottest place on the planet“: Penrith in Sydney‘s west approaches 50 degrees, www.smh.com.au, 4.1.2020.

[2] Vgl. dazu 2.5 million acres on fire. Stifling smoke. Burned koalas. This is spring 2019 in Australia, www.washingtonpost.com, 21.11.2019.

[3] Scott Morrison makes a „historic change“, but it’s not the change his critics wanted, www.abc.net.au, 12.2.2020.

[4] Tens of thousands protest Australian PM’s climate policies amid bushfire crisis, https://edition.cnn.com, 10.1.2020.

[5] Matt Canavan, „Demand for Australian coal will continue to grow“, www.abc.net.au, 18.12.2019.

[6] Vgl. Jörg Schmilewski, Australien rechtsaußen, in: „Blätter“, 10/2019, S. 25-28.

[7] Vgl. David Crowe, Deputy PM slams people raising climate change in relation to NSW bushfires, www.smh.com.au, 11.11.2019.

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