Ausgabe Januar 2020

Maria 2.0: Götterdämmerung auf Katholisch

Kundgebung/Menschenkette um den Kölner Dom Frauen-Initiative Maria 2.0

Bild: imago images / Herbert Bucco

Kann eine Frauenbewegung in der katholischen Kirche erfolgreich sein? Diese Frage steht auf dem Tapet, seit die Initiative Maria 2.0 im vergangenen Jahr begonnen hat, das Unterste zu oberst zu kehren. Zu Recht: Denn an der Frauenfrage hängt die Reform der Kirche. Es nützt nichts, dass ein paar Kardinäle noch immer sagen, man möge sich um Wichtigeres kümmern. Nicht nur die sich oft wie Götter gebärdenden Herren im Ornat, sondern so ziemlich alle wissen: Die Lösung der Frauenfrage bedeutet den Untergang der alten katholischen Welt – und markiert den Aufbruch in eine neue Zeit.

Den nicht-katholischen Teilen westeuropäischer Gesellschaften mag der Kampf der Frauen um gleiche Rechte und gleiche Würde in der Kirche wie ein Nachholgefecht der Moderne anmuten. Haben nicht alle anderen Institutionen, Verbände, Unternehmen, Initiativen längst gemerkt, dass es ohne Frauen nicht geht? Und dass es ohne sie auch nicht gehen darf? Schließlich garantierten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und staatliche Verfassungen die Rechte der Frauen. Der erste Artikel des deutschen Grundgesetzes lautet denn auch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Die Perfidie eines Systems, wie es die katholische Kirche darstellt, liegt darin, diese Sätze nicht zu leugnen, sondern sie vielmehr zu bestätigen. Wer römische Papiere zur Frauenfrage liest, findet darin würdigende Sätze über die Frauen, ihre Natur und ihre Bedeutung für die Welt. Doch das patriarchale System wäre nicht patriarchal, würde es sich dabei nicht eines Tricks bedienen. Die katholische Naturrechtslehre weist den Frauen eine Würde zu, die sie den Männern gleichwürdig, aber nicht gleichberechtigt macht. Frauen sind darin ob ihrer „Natur“ als Frau nicht für alle Ämter der Kirche geeignet. Sie sind und bleiben qua Geschlecht von jenen Aufstiegsmöglichkeiten ausgeschlossen, die an der Weihe hängen. Damit werden sie von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen.

Für diese Abwehr werden „historische“ Argumente bemüht, beispielsweise dass Jesus keine Jüngerinnen, sondern nur Jünger berufen habe. Überdies ist diese vermeintliche Historizität des rein Männlichen schon früh in theologische Begriffe überführt worden. Weiblichkeit wird dabei „durch die Verknüpfung der christlichen Botschaft mit mittelplatonischer Philosophie dem passiven Prinzip und der sinnlichen Wahrnehmung zugeordnet, während (es heißt), dass der Geist und das aktive Prinzip der Männlichkeit eigne“, schreibt Stefanie Rieger-Goertz. Somit steht das Frauenbild „der klassisch-theologischen Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Diffamierung und Idealisierung des Frauseins.“[1]

Viele Katholikinnen und Katholiken gehen mit dieser Lehre – die bis heute zwar häufig, und zwar auch theologisch, kritisiert, aber nicht abgelegt wurde – nicht konform. Der Kampf um eine Veränderung hat längst begonnen; die Bewegung Maria 2.0 hat sie nicht eingeleitet, sondern setzt sie nur mit intelligenten Mitteln fort.

Antimoderne Traditionen

Entwickelt hat sich die Auseinandersetzung um die Frauenfrage im frühen 20. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt pflegt die römisch-katholische Kirche ein antiliberales und demokratiefeindliches Profil. Sie lässt ihre Theologen einen Antimodernisten-Eid schwören, ist dem Frauenwahlrecht abhold und hat dem in den frühen 1930er Jahren aufkommenden Nationalsozialismus nur deshalb zunächst viel entgegenzusetzen, weil sie über einen funktionierenden Gegen-Totalitarismus verfügt. Dem säkularen Allmachtsanspruch des sogenannten Führers begegnet sie mit dem Anspruch, Hüterin des göttlichen Willens in der Welt zu sein. Dieser Wille findet seine Entsprechung in einer Theologie, die weiterhin jene Lehren propagiert, die schon im 19. Jahrhundert handlungsleitend waren. Dazu gehören – neben jenen Merkmalen, die die Kirche inhaltlich zur intelligenten Gegnerin des Nationalsozialismus werden lassen – ein beharrlich tiefes Misstrauen gegen jedwede individuelle Sexualmoral, eine klare Trennung der Aufgaben und der göttlichen Bestimmung von Frau und Mann sowie das Festhalten am männlich konnotierten Priesterbild.

Weihnachtsaktion Blätter

Diese Theologie stirbt nicht. Sie wird, im offenen Widerspruch zur gesellschaftlichen Entwicklung, im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder eingeschärft. Dies geschieht in Wellen, deren Schläge mit der Zeit immer kürzer werden – denn die Angriffe auf jene Theologie und Lehre der Kirche werden immer heftiger. Katholikinnen und Katholiken in westlichen Demokratien nämlich – und damit selbstredend auch Theologinnen und Theologen – verstehen sich in ihrer überwältigenden Mehrheit als Demokraten. Sie nehmen teil an gesellschaftlichen Prozessen, die sie immer weiter von der Lehre ihrer Kirche entfernen. Dies führt zunächst nicht zu massenhaften Kirchenaustritten, sondern zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Lehre der Kirche, die auch öffentlich stattfindet. Massiv bemerkbar macht sich das zunächst in den 1960er Jahren im Zuge der 68er-Bewegung.

Rom reagiert mit Abwehr. Die bekanntesten Dokumente, die auf dieser Linie liegen, sind ein Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre aus dem Jahr 1976 sowie das Apostolische Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ von 1994.[2] In jenem Schreiben erklärt Papst Johannes Paul II., „dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben“.

Weibliche Selbstermächtigung

Doch genau das tun sie nicht. 2002 lässt sich eine Gruppe katholischer Theologinnen auf einem Donauschiff „contra legem“ zu Priesterinnen weihen. Rom reagiert mit einem Schreiben, in dem es den Frauen erklärt, mit diesem Akt hätten sie sich selbst exkommuniziert. Die Folge ist jedoch nicht etwa ein Rückzug der Frauenbewegung in der Kirche, sondern deren Vervielfältigung. Insbesondere in den USA, in Kanada, in Südafrika und Australien sowie in Westeuropa ist diese Frauenbewegung stark. Sie nutzt das Mittel der Selbstermächtigung und unterstellt diese Selbstermächtigung dem Segen Gottes. Auf männliche Anerkennung zu warten und sie geduldig und mit guten Argumenten zu erbitten, ist nicht mehr ihre Sache. Diese Haltung wird von den meisten Frauen in der Bewegung zu einem Zeitpunkt abgelegt, an dem die einzelnen persönlich erfahren, dass ihre Argumente und theologischen Disputationsfähigkeiten nichts fruchten. Weil Argumente nicht gehört werden, schreiten sie autonom zur Tat.

Ein Merkmal dieses Autonomisierungsprozesses ist es, über die Selbstermächtigung hinaus nach Bündnispartnern und Bündnispartnerinnen in der außerkirchlichen Welt zu suchen. Mit den Mitteln des Rechtsstaats und der Demokratie versuchen Frauen, das kirchliche System zu unterminieren. So musste sich bereits der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit der Frauenfrage in der katholischen Kirche befassen. Dass Frauen nicht zu allen Ämtern in der Kirche zugelassen sind, gilt aber rechtlich als Besonderheit eben jenes „Vereins“ Kirche, die ein weltliches Gericht nicht zu kippen vermag.

Andere innerkirchliche Konflikte enden vor weltlichen Gerichten aber sehr wohl auch mit Urteilen gegen Beteiligte. So wurde im Jahr 2010 in Deutschland der sogenannte Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich. Täter wurden und werden nicht nur vor kirchliche Gerichte gestellt, sondern mussten und müssen sich zum Teil auch vor weltlichen Gerichten verantworten. Dieser Missbrauchsskandal beschäftigt die Öffentlichkeit bis heute, und dies umso heftiger, je mehr er sich als ein Phänomen männlichen Machtmissbrauchs in der Gesamtgesellschaft offenbart. Die #metoo-Bewegung, die sich im Herbst 2017 bildete und internationale Bedeutung gewann, bestärkt auch die Frauenbewegung in der Kirche. Dass Maria 2.0 im Frühjahr 2019 von sich reden zu machen begann, hatte nach dem Bekunden ihrer Protagonistinnen vor allem damit zu tun, dass sie nicht mehr bereit waren, über sexualisierte Gewalt in der Kirche zu schweigen. Ihre Erkenntnis hieß zu diesem Zeitpunkt: Ein sakralisiertes patriarchales System lässt sich nur mit Mitteln der Verweigerung und öffentlichen Anprangerung knacken.

Im Mai begannen die Frauen daher mit einem Frauenstreik. Zehntausende Frauen in ganz Deutschland blieben tagelang der Kirche fern. Sie boykottierten die Gottesdienste, legten ihr kirchliches Ehrenamt auf Eis und verweigerten jeden Job, für den sie sonst keine Mühen scheuten. Das alles demonstrierten sie öffentlich.

Das Ende des Klerikalismus?

Seither hat sich viel getan: Die „Marias“ schrieben einen Offenen Brief an den Papst, in dem sie das Ende der Kirche prognostizieren, sollte sich die Gleichberechtigung im himmlischen Unternehmen auf Gottes Erde nicht endlich durchsetzen.[3] Mit mehr als 40 000 Unterschriften übergaben sie den Brief Ende Oktober 2019 dem Nuntius in Berlin. Anfang November gründete sich ein grenzüberschreitendes Frauennetzwerk mit Mitgliedern aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz, unterstützt von der globalen Initiative „Voices of Faith“. In diesem Netzwerk verbünden sich Initiativen mit Frauenorden, -verbänden und kirchlichen Gremien.

Das Jahr 2019 ist der Wendepunkt nach einer langen Strecke des Kampfes, der Unsicherheit und des Sondierens der Frauen untereinander. Jetzt ist sich eine große Mehrheit einig: Wir wollen den Zugang zu allen kirchlichen Ämtern. Wir wollen das Ende des Klerikalismus. Wir wollen eine Kirche, die wir sind – und keine, in der wir nach männlicher Doktrin nur am Rande sein dürfen.

Viele Frauen sind sich dabei, insoweit sie historisch und theologisch gebildet sind, sehr bewusst, dass ihr Kampf für Selbstbestimmung im System Kirche ein Kampf für generelle Befreiung aus patriarchalen Machtmustern ist. Dem Christentum sind diese fast von Beginn an eigen. „Es darf nicht übersehen werden, dass die frühchristlichen Patriarchalisierungstendenzen schon anfanghaft im Neuen Testament kanonisch festgeschrieben werden, um die Ekklesia an die antiken Herrschaftsstrukturen anzupassen“, sagte die feministische Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza bereits 1996 in Reaktion auf die fortgesetzten Konflikte um die Frauen- und Machtfrage in der Kirche. „Beides, radikale Gleichheit aller und der Ausschluss von Frauen und anderen Untergeordneten von kirchlicher Leitung, kann daher biblisch-theologisch begründet werden. Doch kann das Verbot der Frauenordination nicht ohne den Rückgriff auf Herrschaftsideologie und misogynistische Theologie auskommen.“[4]

Genau dies spiegelt sich in der aktuellen Auseinandersetzung wider. Die katholische Welt, die sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts zu spalten beginnt, vertieft die Spaltung im Verlauf der folgenden Jahrzehnte. Das Resultat sehen wir heute: Auf der einen Seite stehen jene, die in jedweder innerkirchlicher Innovationsbewegung „eine Erosion des Glaubens“ sehen, wie es beispielsweise der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer in einer Adventspredigt im Dezember 2019 tut.[5] Auf der anderen Seite finden sich entschlossene Reformkräfte, die nun auch den sogenannten Synodalen Weg der römisch-katholischen Kirche in Deutschland gehen wollen.

Neben den vielen Nicht-Klerikern, die auf Reformen setzen, haben auch die meisten Bischöfe erkannt, dass sie nicht weitermachen können wie bisher. Auf der Synode in Frankfurt am Main werden Kleriker und Nicht-Kleriker, unter ihnen Frauen und Männer, ab Ende Januar 2020 miteinander diskutieren, wie sich die Kirche ändern soll. „Keine Institution, die bei über achtzig Prozent ihrer Mitglieder keinen Rückhalt mehr hat, kann auf Dauer überleben“, sagte jüngst der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz auf einem Podium. Die Kirche werde sich ändern müssen. Kein Weg führe daran vorbei.

Die Kirche lebt von jenen Frauen, die gerade in Massen protestieren. Keine Macht der Welt zwingt sie zurück in die Kirchenbank. Denn sie haben das System durchschaut. Wer könnte annehmen, dass sie weiter akzeptieren, dass geweihte Männer ihre Macht demonstrieren? Und klar ist auch: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kann das unglückliche Verhältnis der Kirche zu den Frauen nicht länger als Nebenwiderspruch einer ansonsten gut agierenden Institution gelten. Es ist vielmehr Kern und Grund vieler Probleme, die die Kirche hat. Man kann nicht die Welt retten – wie es die Kirche gern tut –, wenn man die Hälfte der Menschheit für nicht so wichtig hält.

Viele Männer teilen die Forderungen der Marias. Mit den Frauen üben sie gemeinsam Druck auf die Kleriker aus – verbal und finanziell. Originell ist eine Initiative, die jetzt das Kirchensteuer-Fasten vorschlägt.[6] Einfach mal ein Jahr Schluss machen mit dem Steuerzahlen für eine Institution, die pekuniär wahrlich nicht schlecht ausgestattet ist? Es ist bezeichnend, dass mittlerweile auch Theologinnen und Theologen auf deutschen Lehrstühlen diese Idee propagieren. Die Götterdämmerung hat begonnen.

[1] Stefanie Rieger-Goertz, Feministische Theologien, in: Neues Handbuch theologischer Grundbegriffe, München 2005, S. 360.

[2] „Inter insigniores“: Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt, 1976, in: Frauenordination. Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, hg. von Walter Groß, München 1996, S. 11-24; sowie: Apostolisches Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“, 1994, a.a.O., S. 116-119. 

[3] Vgl. An Papst Franziskus und die Synode der Bischöfe. Offener Brief aus Anlass des Sondergipfels zum Thema der sexualisierten Gewalt in der Kirche, https://weact.campact.de.

[4] Elisabeth Schüssler-Fiorenza, Neutestamentlich-frühchristliche Argumente zum Thema Frau und Amt, in: Frauenordination. Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, a.a.O., S. 44.

[5] Predigt des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer zum 1. Advent 2019, www.bistum-regensburg.de.

[6] Vgl. Initiative für Kirchensteuer-Fasten, www.publik-forum.de, 22.11.2019.

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

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