Ausgabe März 2020

Zerstrittene Staaten von Amerika

Buchititel

Bild: C.H. Beck

Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika auf 1100 Seiten: Es ist ein anspruchsvolles Vorhaben, das die Historikerin Jill Lepore in ihrem Buch „Diese Wahrheiten“ verfolgt. Aber sie hat es mit Bravour eingelöst. Lepore ist eine glänzende, publikumszugewandte Autorin: Man merkt ihrem Buch an, dass sie einerseits eine profilierte Wissenschaftlerin ist – Professorin für amerikanische Geschichte in Harvard –, aber andererseits auch regelmäßig für den „New Yorker“ schreibt; in den USA ist sie eine prominente journalistische Stimme und Kommentatorin. In „Diese Wahrheiten“ schlägt sie weite historische Bögen und fasziniert zugleich mit Nahaufnahmen und Details. Ihre Darstellung ist sprachlich so plastisch, temporeich und intensiv, dass man das dicke Buch am liebsten in einem Rutsch durchlesen möchte, und es gelingt ihr, die gewaltige Fülle des Materials in einer einheitlichen Perspektive zu ordnen, die direkt in unsere Gegenwart weist.

Von der ersten Expedition von Christoph Kolumbus und der Landnahme der spanischen Konquistadoren bis zum Wahlsieg von Donald Trump reicht ihre Darstellung. Lepore erzählt von der Kolonialisierung des Landes und vom Verdrängungskampf der europäischen Siedler gegen die indigene Bevölkerung; sie erzählt von Beginn und Ausbreitung des Sklavenhandels und vom Bürgerkrieg, der sich an der Frage entzündet, ob man die Sklaverei als legitime Grundlage der Gesellschaft akzeptiert oder nicht – und Hunderttausende von Opfern fordert. Sie berichtet in faszinierender Detailfreudigkeit von den langwierigen Verhandlungen und Prozessen, in denen aus unverbundenen Einzelstaaten eine Föderation mit einem Präsidenten entsteht – in welcher das Misstrauen gegen die Anmaßungen einer „Zentralregierung“ doch bis heute erhalten geblieben ist. Sie schildert den Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der kapitalistischen Fabrikarbeit im frühen 19. Jahrhundert und der religiösen Erweckungsbewegung, die den Menschen Erlösung von ihrem beklemmenden Dasein verspricht – und die ursprünglich religiös desinteressierte Nation in das gottesfürchtige Amerika verwandelt, das wir heute kennen. Und sie erzählt vom Siegeszug und Niedergang des Liberalismus – bis zu jenem Zustand der erbitterten Polarisierung, der die US-amerikanische Nation in der Gegenwart prägt.

Dieser Zustand ist aber nicht neu: Das ist die zentrale These, an der Jill Lepores Historiographie sich entlangbewegt. Seit Beginn ihrer Geschichte – seit den ersten Versuchen, überhaupt so etwas wie ein Gemeinwesen herauszubilden – ist die US-amerikanische Nation tief zerstritten gewesen. Seither streitet sie über „diese Wahrheiten“, die Thomas Jefferson 1776 in einem Entwurf der Unabhängigkeitserklärung postuliert: „dass alle Menschen gleich & unabhängig geschaffen sind“ und als solche „natürliche & unveräußerliche Rechte besitzen, zu denen die Erhaltung des Lebens & Freiheit & Streben nach Glück gehören“, und dass „zur Sicherung dieser Ziele Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten“.

Der widersprüchliche Kampf um Freiheit und Gleichheit

„Diese Wahrheiten“ sind die Grundlage jeder demokratischen Ordnung, und für deren Durchsetzung gelten die Vereinigten Staaten bis heute als leuchtendes Vorbild: Musterland der Demokratie. Aber was bedeuten sie in einem Land, das seinen Wohlstand auf der erbarmungslosen Ausbeutung von Sklaven begründet hat? Und das die „gleichen und unveräußerlichen Rechte“ über Jahrhunderte hinweg nur weißen Männern zuerkannt hat? Lepore zeichnet die Debatten und Kämpfe zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei nach, bis zu den teils atemberaubend rabulistischen Versuchen, den Ausschluss der Sklaven und der amerikanischen Ureinwohner aus dem Geltungsbereich der menschlichen Gleichheit auf eine philosophische Grundlage zu stellen. In diese verstiegenen Wortgefechte blendet sie immer wieder sehr effektvoll, verstörend und bitter Szenen aus dem Elend der afroamerikanischen Bevölkerung hinein, aber auch aus ihrem Befreiungskampf. Zudem erzählt sie die Geschichte der Frauenbewegung seit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert über die langwierige Einführung des Frauenwahlrechts im 19. Jahrhundert – das auf nationaler Ebene erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs durchgesetzt wird, bei den Wahlen im Jahr 1920 –, bis zum gescheiterten Versuch Hilary Clintons, zur ersten Präsidentin der USA gewählt zu werden.

Man findet hier keine gerichtete Geschichte, keinen unabänderlichen Fortschritt der Emanzipation; man findet auch keine überschaubaren Verhältnisse zwischen „guten“ und „schlechten“ Akteuren. Prominente Befürworter der Abschaffung der Sklaverei waren selbst Sklavenhalter; der bis heute hoch bewunderte erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, trug bei seiner Vereidigung eine Gebissprothese im Mund, „die man aus Elfenbein und aus neun Zähnen hergestellt hatte, die seinen Sklaven gezogen worden waren“. Frühe Feministinnen waren von der vermeintlichen Überlegenheit der „weißen Rasse“ überzeugt und von der angeblich zersetzenden Kraft des Judentums. Prägende Vertreter des schwarzen Civil Rights Movement in den 1960er Jahren waren erbärmliche Sexisten – wie etwa Stokely Carmichael, der 1964 bekundete, die einzige Position von Frauen in der Bewegung sei „prone“, also bäuchlings.

Kombi-Abo der Blätter

Der zwanglose Zwang des besseren Arguments

Lepore fällt selten moralische Urteile. Lieber arbeitet sie – das ist eine der Stärken des Buchs – die Widersprüche heraus, die den jahrhundertelangen Kampf um Freiheit und Gleichheit durchziehen. Aber so wenig sie an eine unaufhaltsame Verbesserung der Verhältnisse glaubt, so wenig formuliert sie in „Diese Wahrheiten“ eine pessimistische Verfallsgeschichte, eine Geschichte der immer umfassender werdenden Unterdrückung. Stattdessen zeigt sie, dass es selbst in den dunkelsten und am meisten verhärteten Zeiten der US-Geschichte immer wieder Menschen, Gruppen, Gemeinschaften gegeben hat, die den Kampf für Freiheit und Gleichheit von Neuem aufnahmen; und dass die Vereinigten Staaten eben auch die erste Nation gewesen sind, in der für die Freiheit der Meinungen, des Streits und der Presse entschieden gekämpft worden ist. Was freilich wiederum nichts daran ändert, dass dort auch jenes System ausgebildet wurde, das Lepore in ihrem vierten und letzten Kapitel über die Jahre 1946 bis 2016 als „Maschine“ bezeichnet: das System der Meinungsbeeinflussung und politischen Manipulation, das wesentlich zur gegenwärtigen Krise der US-Öffentlichkeit und Gesellschaft beigetragen hat.

Doch auch diese Krise vermag Lepores Glauben an den emanzipatorischen Kern der amerikanischen Verfassung nicht zu erschüttern: Wer immer sich für die Freiheit und Gleichheit der Menschen einsetzt – das ist das Leitmotiv ihrer Darstellung –, beruft sich dabei auf „diese Wahrheiten“, die darin formuliert sind. Lepore bezeichnet sich als Patriotin, in gewissem Sinne entspringt ihr Selbstverständnis jener Haltung, die Dolf Sternberger und Jürgen Habermas in den 1970er und 1980er Jahren als Verfassungspatriotismus beschrieben haben. Dieser Begriff wird in unseren wieder identitätsseligen Zeiten gern verspottet, als zu schwach und wenig bindungsfähig beschrieben angesichts tief zerstrittener, polarisierter Gesellschaften. Für Lepore aber ist er die einzige Form des Patriotismus, die angesichts diesen Zustands überhaupt denkbar ist: Nur die Besinnung auf die Gleichheit der Menschen und ihrer Mitspracherechte in der Demokratie, nur die Besinnung auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments kann jene Verständigung am Leben erhalten, die die Gesellschaft bei allem Streit doch als solche eint. Das Pathos dieser Überzeugung trägt wesentlich zum leidenschaftlichen Drive ihrer Darstellung bei. Am Ende bemerkt man gleichwohl mit Beklemmung, wie schwer es Jill Lepore fällt, im gegenwärtigen Zustand der US-amerikanischen Demokratie den Glauben an deren Selbstheilungskräfte zu bewahren.

Jill Lepore, Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Übersetzt von Werner Roller. C.H. Beck, München 2019. 1120 Seiten, 39,95 Euro.

 

Aktuelle Ausgabe Juli 2020

In der Juli-Ausgabe beleuchten der Historiker Ibram X. Kendi und die Soziologin Keeanga-Yamahtta Taylor die lange Tradition rassistischer Gewalt in den USA – und zeigen Wege aus dem amerikanischen Albtraum auf. Der Soziologe Gary Younge und der Journalist Marvin Oppong richten den Blick auf den Rassismus und die Polizeigewalt in Europa. Der Journalist Michael Pollan legt die brutale Effizienz der Lebensmittelindustrie offen – die uns alle buchstäblich krank macht. Und »Blätter«-Redakteur Albrecht von Lucke analysiert den steilen Aufstieg Markus Söders inmitten der Coronakrise - und dessen Chancen, nächster Bundeskanzler zu werden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema