Ausgabe Januar 1990

Kurs 127:1

Wiedervereinigung - Der größte Entschuldungscoup aller Zeiten?

Selten war soviel von Geschichte die Rede wie in diesen Wochen seit dem 9. November. Aber der Redeschwall vom "historischen Augenblick", die Beschwörung des sprichwörtlichen "Mantels der Geschichte", den man nun - Bismarck gleich - erhaschen möchte, alle diese Geschichtsrhetorik wird noch übertroffen durch das Ausmaß historischer Vergeßlichkeit. - Macht Geschichte dumm? Die "große Rede" des Bundeskanzlers zu den Perspektiven einer "Wiedervereinigung" gab sich zwar nüchtern; ganz verzichten mochte er auf die allfällige Erklärung "W i r sind die Sieger der Geschichte!" aber auch nicht. Einige Impressionen: Daß die polnische Westgrenze "vergessen" wurde, fiel in der Einheitsbegeisterung des 4. August, pardon: 28. November natürlich niemanden auf. Oder ein anderes: "Keine Vorbedingungen" an die DDR, das ist inzwischen eine feststehende Redewendung geworden, so auch beim Bundeskanzler.

Ihr folgte die Einschränkung freilich auf dem Fuße: "Wirtschaftliche Hilfe kann nur wirksam werden, w e n n grundlegende Reformen des Wirtschaftssystems erfolgen" und - noch deutlicher - "w e n n ein grundlegender Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems in der DDR ... verbindlich und unumkehrbar in Gang gesetzt wird.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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