Ausgabe Juni 1990

Souveränitätswahn

"Ich mag das Wort Siegermächte nicht." Helmut Kohl 1)

Es war eines der historischen Ereignisse, die nachzuhalten inzwischen auch abgebrühten Chronisten schwerfällt. Und es lief, konzentriert man sich auf den Bonner Part, nach einem mittlerweile eingeübten Ritual ab: der Erklärung, eine geschichtliche Stunde sei angebrochen, folgt zwanghaft der Jubel, der wiederum mit Katzenjammer endet...

Gemeint ist diesmal die erste der vier-plus-zwei-Konferenzen (die aus Nachsicht den Zweien gegenüber andersherum heißen). Zur Erinnerung der Entkoppelungsvorschlag des sowjetischen Außenministers inklusive Kanzler-Reaktionen:

"Nach unseren Vorstellungen braucht die Regelung der inneren und äußeren Aspekte der Herstellung der deutschen Einheit nicht unbedingt zeitlich zusammenfallen; beides muß nicht in ein und derselben Übergangsperiode vollzogen werden." (Schewardnadse, 5. Mai) 2) 

"Der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts aller Deutschen stehen keine Hindernisse mehr im Wege." (Kohl, 6. Mai) 3)

"Wir glauben, daß die Aufrechterhaltung der Verantwortung der Vier Mächte und die Präsenz der Truppen der alliierten Mächte für die Übergangsperiode auf den ganzen Prozeß der Herstellung der deutschen Einheit stabilisierend einwirken und ihm ein ruhiges und wohlwollendes Umfeld schaffen werden.

Juni 1990

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