Die Vereinten Nationen feiern in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag, aber statt Glückwunschadressen hagelt es Schmähungen und Kritik. Sie hätten die neue Weltordnung verspielt, so heißt es, in Bosnien-Herzegowina versagt, ihr Prestige und ihre Ehre verloren, weil sie immer nur zugesehen und nicht zugeschlagen haben. Sind diese Vorwürfe auch absurd - wir bewerten ja die Medizin auch nicht danach, daß sie den Krebs nicht beseitigt hat -, so könnten sie doch Methode haben. Die UN haben den Ost-West-Konflikt, obwohl er sie 40 Jahre lang blockiert, fast eingefroren hatte, gut überstanden. Jetzt aber, wo sie zu neuer Bedeutung aufwachsen könnten, wendet sich die Welt, wendet sich interessanterweise vor allem der Westen, von ihnen ab. Er steht, so scheint es, vor einer Renaissance der militärischen Gewalt als Mittel internationaler Politik, vor einer Rückkehr zu Bilateralismus und Machtpolitik, zu den ganz alten außenpolitischen Denkweisen also. Verursacht wird diese erstaunliche Wende rückwärts zunächst dadurch, daß die nach vorn ausgeblieben ist. Auf das Ende des OstWest-Konflikts hat der Westen nicht mit gründlicher Abrüstung, nicht mit einem politischen Hausputz geantwortet, der seinen Herrschafts- und Machtapparat dem Frieden angepaßt hätte. Er ist etwas verkleinert, aber im übrigen im alten Rang belassen worden.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.