Ausgabe September 1996

Katholizismus in der Bundesrepublik

Von der Staatskirche zur Säkularisierung

Der Nationalsozialismus hatte das katholische Verbandswesen zerstört. *) Der katholische Alltag fand nicht mehr in den Verbandshäusern statt, sondern in den Sakristeien und Pfarrheimen, im unmittelbaren Aufsichtsbereich des Klerus. Der Katholizismus verlor dadurch an weltlichen Strukturen, büßte an Modernität ein.

Zwar gründeten sich nach 1945 die meisten Verbände wieder neu, aber sie blieben jetzt erheblich stärker als zuvor in den kirchlichen Autoritätsstrukturen.

Damit war eine hundertjährige Geschichte autonomen Laienkatholizismus' zu Ende gegangen. Das wirkte sich auch auf die Katholikentage, die traditionellen Foren der katholischen Verbände aus. Vor 1933 waren die Katholikentage ziemlich politische Veranstaltungen gewesen, mit kontroversen Debatten und abschließenden Resolutionen zu Zeitfragen.

Damit war es nun vorbei, in den 50er Jahren entpolitisierten, verkirchlichten sich auch die Katholikentage. Sie wurden jetzt zu frommen Veranstaltungen, zu Bühnen opulenter kirchlicher Selbstdarstellung. Die Verbände waren an den Rand gedrängt; der Klerus hatte sich in den Mittelpunkt gestellt. Die Ouvertüre gab der Passauer Katholikentag von 1950, der aus einer nahezu ununterbrochenen Folge von Gottesdiensten und Gebetsstunden bestand, Veranstaltungen, die auch vor 1933 vorkamen, aber damals doch mehr den Rahmen abgaben.

September 1996

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der ökologische Antikapitalist: Das Erbe von Papst Franziskus

von Wolfgang Sachs

Als am 8. Mai dieses Jahres weißer Rauch über dem Vatikan aufstieg und zur Überraschung vieler mit Papst Leo XIV. – oder bürgerlich Robert Francis Prevost – der erste US-Amerikaner zum Papst gekürt worden war, war eines jedenfalls sofort klar: Dieser Papst ist ein direktes Vermächtnis des Pontifikats seines Vorgängers.

Friedrich Schorlemmer: Theologe, Autor, Widerständler

von Bettina Röder

Am 9. September starb der wortmächtige Theologe und mutige Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Seit 1990 gehörte er zum Herausgeberkreis der »Blätter«. Alljährlich nahm er an unseren Herausgeberkonferenzen teil. Wir erinnern an Friedrich Schorlemmer mit einem Nachruf seiner Weggefährtin, der Journalistin Bettina Röder, sowie mit seinen eigenen Worten.

Weltkirchenrat: Man spricht deutsch!

von Christoph Fleischmann

Internationale Treffen auf deutschem Boden haben ihre Tücken, wenn es darum geht, sich mit anderen Weltsichten zu konfrontieren. Das war in diesem Sommer bei der documenta zu sehen und es konnte auch bei der jüngsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) beobachtet werden.