Ausgabe April 1997

Unsplendid Isolation

Ein Europa-Votum britischer Wirtschaftsführer (Wortlaut)

Der Präsident des britischen Industrieverbandes und eine Reihe von Topmanagern des Landes, darunter der Leiter der Telecom, der Chef der Aerospare und führende Vertreter weiterer namhafter Unternehmen, haben in einem offenen Brief Stellung zu Fragen der europäischen Einigung bezogen. Sie befürchten, die derzeitigen Diskussionen um die Währungsunion könnten wieder einmal in einen Grundsatzstreit um die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens münden. In ihrem Schreiben, veröffentlicht in der "Financial Times" vom 11.März 1997, warnen die Wirtschaftsführer - auch mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen, die inzwischen auf den 1. Mai datiert sind - vor einer Selbstisolierung: "Wir müssen zeigen, daß Großbritanniens Engagement für Europa nicht in Frage gestellt wird." Den Aufruf der Wirtschaftsführer dokumentieren wir nachstehend im Wortlaut. D. Red.

Die Wahlen rücken näher, und es ist ganz wesentlich, daß jeder die wirklich wichtigen Themen erkennt, mit denen sich Großbritannien im Hinblick auf Europa auseinandersetzen muß. Als Unternehmer, die nicht nur in Europa, sondern weltweit Geschäfte machen, haben wir mit Erschrecken die Ausbreitung einer extremen Euro-Skepsis und jener irrigen Annahme beobachtet, daß heute eine Armeslänge Abstand und eine distanzierte Einstellung gegenüber Europa dem Interesse des Vereinigten Königreichs am besten diene. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Das Vereinigte Königreich ist längst Teil Europas. Fast 60% unseres Warenhandels wickeln wir mit Mitgliedern der Europäischen Union ab, und dieser Anteil nimmt weiter zu.

Unsere Direktinvestitionen in den anderen Mitgliedstaaten überschreiten derzeit unsere Investitionen in den Vereinigten Staaten. Mehr als 2000 europäische Unternehmen vom Kontinent haben hierzulande investiert und nutzen unsere zunehmenden Wettbewerbsvorteile in der Produktion. Und die Investitionen von außerhalb der EU, bei denen wir hervorragend abschneiden, werden durch unseren Zugang zum Binnenmarkt angekurbelt. Unsere ökonomischen Fortschritte, die unsere europäischen Freunde bewundern, wären nicht möglich gewesen, wenn wir außerhalb von EU und Binnenmarkt geblieben wären. Und der Binnenmarkt wäre ohne den engagierten politischen Beitrag des Vereinigten Königreichs während der 80er Jahre im Herzen Europas kaum möglich gewesen. Diese Vorteile würden riskiert, sollte dies Land den Weg der Isolation wählen: Großbritannien wäre ein ärmerer Platz, mit niedrigeren Investitionen und höherer Arbeitslosigkeit. Das Vereinigte Königreich muß ein volles und engagiertes Mitglied des Clubs bleiben. Natürlich werden wir uns für Veränderung einsetzen, dafür, daß die Herausforderungen der Globalisierung stärker in den Mittelpunkt gerückt werden.

Aber wir können nicht erwarten, daß unsere Vorschläge und unsere Kritik ernst genommen werden, wenn wir uns weigern, die enormen Vorteile anzuerkennen, die wir bisher schon gewonnen haben, weil wir Teil Europas sind. Wir müssen zeigen, daß das fortgesetzte Engagement des Vereinigten Königreichs für Europa nicht in Frage steht. Sollten wir dabei scheitern, würde das die Position des Vereinigten Königreichs beim Amsterdamer Gipfel im Juni ernsthaft schwächen, würden unsere Interessen hinsichtlich der Regierungskonferenz und das Binnenmarkt-Aktionsprogramm ernsthaft kompromittiert. Es gibt viele wichtige Dinge, auf die sich politische Auseinandersetzungen konzentrieren sollten. Bei der grundsätzlichen Frage nach dem Engagement des Vereinigten Königreichs für den Binnenmarkt aber sollten wir uns einig sein.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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