Ausgabe Juli 1999

Die erfrischende Niederlage der Sozialdemokraten

"Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig", schrieb Kurt Tucholsky 1931. Was er beklagte, war die Unfähigkeit der politischen Klasse der Weimarer Republik, "die Denkungsart der breiten Masse" zu erfassen: "Der wirkliche Gehalt dieses Volkes, seine anonyme Energie, seine Liebe und sein Herz" - für all das gehe gerade den sozialdemokratischen Vertretern der Republik jeder Instinkt ab. "Daß nun dieses richtige Grundgefühl heute von den Schreihälsen der Nazis mißbraucht wird, ist eine andre Sache." Zwei Jahre später war es mit der ersten deutschen Republik vorbei. Gewiß, mit den historischen Analogien soll man es nicht zu weit treiben. Der Kollaps demokratischer Politik steht in diesen Tagen in Deutschland und Westeuropa nirgendwo auf der Tagesordnung. Doch immerhin gibt der Ausgang der Europawahlen Anlaß zu Fragen über den Zustand von Politik, Parteien und Demokratie in Deutschland. Um die Diskrepanz zwischen dem falschen Verstehen und richtigen Fühlen der Bürger einerseits und den Fehlleistungen ihrer politischen Klasse andererseits geht es auch bei ihnen. Und besonders um die SPD und ihren "Dritten Weg".

Juli 1999

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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