Ausgabe Juli 2000

Streitfall Wiedergutmachung

Erinnerungen einer Zeitzeugin

55 Jahre ist es her, dass Hunderte von KZs und Zwangsarbeiterlagern von alliierten Siegertruppen befreit und abertausende geschundener, verelendeter, kaum noch überlebensfähiger, zu Skeletten abgemagerter Häftlinge in eine kaum noch erhoffte Freiheit hinauswankten. Hunderttausende von ihnen, die aus osteuropäischen Staaten deportiert worden waren, wurden in sogenannten DisplacedPersons-Lagern "aufgefangen", wo sie - oft über Jahre - vegetierten, bevor sie, vielfach unfreiwillig, in ihre (zumeist kommunistisch gewordene) Heimat zurückkehrten oder in die USA oder nach Israel auswandern konnten. 55 Jahre ist es her, dass wir besiegten, oft unbehausten NachHitler-Deutschen begannen, Trümmer und Schutt unserer Städte wegzuräumen und - mit unserem eigenen Elend voll und ganz beschäftigt - nur zögernd, oft widerstrebend oder gar ablehnend zur Kenntnis nehmen mussten, welche unvorstellbar unmenschlichen und mörderischen Verbrechen in deutschem Namen - zumeist von Deutschen - in Europa begangen worden waren, und dass es nun an uns, den Überlebenden der Nazi-Diktatur, sein würde, an unseren Opfern "wiedergutzumachen" (ein Begriff, der mir seit damals nur schwer über die Lippen kommt, weil es doch nie wieder gutzumachen sein würde), was man ihnen angetan hatte.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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