Ausgabe Mai 2015

Völker und Mord

Man muss ihn einfach lieben, diesen Papst! Anfang April sorgte Franziskus wieder einmal für Aufregung. Doch diesmal ging es weder um die verträgliche Kinderzahl (nicht mehr als drei!) noch um nachhaltige Kinderzüchtigung (Klapps auf den Kopf, aber immer aus Liebe!). Nein, der Papst widmete sich diesmal einem viel bedeutenderen Thema: „Unsere Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt. Die erste, die allgemein als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts angesehen wird, hat euer armenisches Volk getroffen.“

Nun gut, die Zahl drei musste ein wenig irritieren. Schließlich kommt man schon bei oberflächlicher Zählung – Holocaust, Gulag, Ruanda – auf mindestens drei Großtragödien, und dabei sind die unzähligen, wer wollte sagen „kleineren“, wie etwa die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha, noch gar nicht mitgerechnet. Und dennoch kommt dem Papst das Verdienst zu, das ausgesprochen zu haben, wovor sich die deutsche Bundesregierung zu diesem Zeitpunkt (noch) drückte und was die Türkei bis heute, unbeirrbar leugnet: dass die systematische Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1916 ein Völkermord gewesen ist.

Es kam denn auch, wie es kommen musste. Ankara bestellte den Botschafter des Vatikans ein, um gegen die Äußerungen des Papsts zu protestieren. Und Ministerpräsident Erdogan tobte, wie es sich für ihn gehört: „Der geehrte Papst wird diese Art von Fehler höchstwahrscheinlich nicht wieder begehen. Ich möchte ihn dafür rügen und warnen.“ Zum Glück ist der Mann aus Argentinien gegenüber derartigen Drohungen ziemlich unempfindlich. In einem Punkt allerdings lag er falsch: Der Völkermord an den Armeniern war mitnichten der „erste Genozid des 20. Jahrhunderts“. – Doch während man dem Papst dieses Versäumnis nachsehen könnte – schließlich ist er für das Heil der ganzen Welt zuständig, da kann man schon mal ein Ereignis der Weltgeschichte übersehen –, hätte uns dieser Fehler keineswegs passieren dürfen. Ist er aber leider, und zwar im „Kurzgefasst“ zu dem wichtigen Text von Rolf Hosfeld in der April-Ausgabe, „Eine ‚Ära der Säuberungen‘: Der Völkermord an den Armeniern“.

Denn den ersten Völkermord des letzten Jahrhunderts verübten, so die traurige Tatsache, Deutsche – nämlich an den Herero und Nama in Namibia, damals deutsche Kolonie (Deutsch-Südwestafrika). Im August 2004 entschuldigte sich Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul anlässlich des Jahrestags der Schlacht am Waterberg: „Vor hundert Jahren wurden die Unterdrücker – verblendet von kolonialem Wahn – in deutschem Namen zu Sendboten von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung. Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben.“ (vgl. Jürgen Zimmerer, Entschädigung für Herero und Nama, in: „Blätter“, 6/2005, S. 658-660).

Bis heute allerdings weigert sich die Bundesregierung, der moralischen Schuldanerkennung auch eine finanzielle Entschädigung folgen zu lassen. Von Wiedergutmachung kann somit auch elf Jahre später noch keine Rede sein. So viel, wie gerne behauptet, scheint Berlin und Ankara also gar nicht zu unterscheiden.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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