Ausgabe August 2022

Das ukrainische Paradox

Die Entstehung der Nation aus dem Geist des Krieges

IMAGO / NurPhoto

Bild: IMAGO / NurPhoto

Auf die meisten Fragen, denen ich mich im Folgenden widmen werde, habe ich keine fertigen Antworten. Schlimmer noch: Ich fürchte, diese Antworten gibt es vielfach nicht. Das kann uns jedoch nicht davon abhalten, sie zu suchen und zuvor die richtigen Formulierungen für die Fragen zu finden. Denn der Krieg in der Ukraine wirft Fragen von universellem Interesse auf, er betrifft uns und wird uns zunehmend mehr betreffen: unsere Gegenwart, unsere gemeinsame Zukunft, unseren Platz in der Welt. Bei diesem Krieg sind wir keine fernen oder neutralen Beobachter, sondern Teilnehmer, und sein Ausgang hängt auch davon ab, was wir denken und tun. Wir sind in diesem Krieg. Wir können nicht „aus dem Krieg desertieren“, wie mein Kollege Sandro Mezzadra in einem gut argumentierten pazifistischen Manifest geschrieben hat.[1] Das heißt nicht, dass wir diesen Krieg führen müssen in all den Formen, die sogleich vorgeschlagen werden. Unsere Wahlmöglichkeiten sind wahrscheinlich sehr gering, aber wir dürfen nicht behaupten, es gäbe keine.

Aber um was für einen Krieg handelt es sich? Selbst das können wir nicht mit absoluter Gewissheit sagen, da wir nicht vollständig erfassen, welche Räume er besetzt, abgesehen vom Territorium, in das die russische Armee im Februar eingedrungen ist, und einigen angrenzenden Gebieten.

August 2022

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Krieg im Kongo: Trump und der gordische Knoten

von Simone Schlindwein

Heute gelingt uns das, woran so viele andere gescheitert sind«, prahlte Donald Trump im Dezember 2025, als Kongos Präsident Felix Tshisekedi und dessen ruandischer Amtskollege Paul Kagame zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Weißen Haus eintrafen.