Ausgabe Mai 2025

80 Jahre 8. Mai: Vom Tag der Befreiung zum Tag der Erpressung

Soldaten halten die »Stars and Stripes«-Zeitung hoch, um das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zu feiern, 8.5.1945 (IMAGO / UIG)

Bild: Soldaten halten die »Stars and Stripes«-Zeitung hoch, um das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zu feiern, 8.5.1945 (IMAGO / UIG)

„Liberation Day“, Tag der Befreiung, nannte Donald Trump jenen 4. April 2025, an dem er im Rosengarten des Weißen Hauses vor seine andächtigen Anhänger trat, um mit der Ankündigung von Zollerhöhungen ein gewaltiges Börsenbeben auszulösen und die Welt in Aufruhr zu versetzen. Damit konterkariert dieser Tag den 8. Mai 1945, der bislang als „Tag der Befreiung“ galt und für den Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland und den Beginn einer anderen, friedlicheren Weltordnung steht. Trumps Zollkrieg-Ankündigung war in Wahrheit jedoch kein Tag der Befreiung, sondern ein Tag der Erpressung. Wir erleben die Rückkehr der Vereinigten Staaten zu radikalem Nationalismus und handelspolitischem Isolationismus. 

80 Jahre lang agierten die USA als Schutzmacht des freien, des demokratischen Europas wie auch als Verteidiger des Freihandels. Das war die Lehre aus ihrem fatalen Rückzug von den Völkerbundplänen Woodrow Wilsons nach dem Ersten Weltkrieg und den verhängnisvollen 1930er Jahren. Der Schwarze Freitag, der Börsencrash des 25. Oktober 1929, hatte nur deshalb derart verheerende globale Auswirkungen, weil der damalige US-Präsident Herbert Hoover Zölle von bis zu 60 Prozent erhob und so die grassierende Weltwirtschaftskrise noch massiv verstärkte. Ein Ergebnis der Krise war der Ausgang der Reichstagswahl vom 14.

»Blätter«-Ausgabe 5/2025

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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