Ausgabe März 2026

Die Verteidigung der Vernunft

Ein Plädoyer für einen radikalen Linksliberalismus

Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Symbolbild (IMAGO / Westend61)

Bild: Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Symbolbild (IMAGO / Westend61)

Die Zerstörung der Vernunft als das auf dem Austausch von Argumenten basierende demokratische Grundverständnis steht im Mittelpunkt des globalen Rechtspopulismus, der sich immer mehr zu einem Rechtsradikalismus verfestigt. Dem ist jedoch nicht durch eine linkspopulistische Gegenbewegung beizukommen, sondern nur durch einen gleichermaßen aufgeklärten wie radikalen Linksliberalismus, der die Verteidigung liberaler Offenheit mit dem Kampf für Gerechtigkeit verbindet.

Ob Trump oder Kickl, Orbán oder Weidel: Fast überall in der westlichen Welt ist die Demokratie vom Geist der Illiberalität, des Antipluralismus und des autoritären Rechtsextremismus bedroht. In zunehmender Geschwindigkeit erleben wir die Verschärfung vom »Rechtspopulismus« als politischen Stil zum Rechtsextremismus und zum Faschismus.

Dabei spiegelt sich die Selbstradikalisierung der populistischen Anführer in der Selbstradikalisierung ihrer Anhängerschaft. Wer einmal als bloß irgendwie Unzufriedener mit autoritärer Mentalität in die Fänge der faschistischen Propaganda geraten ist, hat oft nach einigen Jahren ein völlig verhärtetes rechtsextremes Weltbild, zumeist auf Basis kruder Verschwörungstheorien. Der Irrsinn regiert; Irrationalität und Wahn nehmen vom politischen Klima und der Öffentlichkeit Besitz. Das Gebot der Stunde ist folglich die Verteidigung der Vernunft.

Eine Taktik der neuen Faschisten ist dagegen gerade die »Zerstörung der Vernunft«. Den Begriff habe ich mir bei dem legendären marxistischen Philosophen Georg Lukács geliehen, der seine Geschichte des faschistischen Denkens in Deutschland mit genau diesem Übertitel versah. Diese Zerstörung der Vernunft, für Lukács die Ur- und Frühgeschichte der faschistischen Ideologie, sei gekennzeichnet durch »Herabsetzung von Verstand und Vernunft, kritiklose Verherrlichung der Intuition […] Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, Schaffung von Mythen«, kurzum durch das Eindringen von Wahn und Irrationalität in die Diskurse und die Zersetzung aller Prinzipien von Rationalität. 

Auch heute betreiben die neuen Faschisten im Kampf um die Gehirne und Leidenschaften die Zerstörung der Vernunft. Die Vernunft soll vernichtet werden, ja, sogar alles, was man landläufig das Vernünftige nennt: ein zweites Mal nachdenken, bevor man seinen Empörungen freien Lauf lässt; die Fakten prüfen und erst dann, von diesen ausgehend und auf deren Basis, wertorientierte Urteile treffen; eine Sache von verschiedenen Seiten betrachten; dem anderen zuhören, ob der nicht auch einen Teil der Wahrheit auf seiner Seite hat; der Sachlichkeit den Vorzug vor der Erregung geben und so weiter. 

Allein, diese simplen Grundsätze von Vernünftigkeit werden vom neuen Faschismus nicht unabsichtlich, sondern vorsätzlich zerstört. Seine Fürsprecher sind nicht so unvernünftig, weil sie erregt sind. Im Gegenteil: Sie werfen sich in die Pose wahnhafter Erregung, weil sie die Vernunft ganz gezielt ausschalten wollen. 

Der große Kurt Tucholsky formulierte einstmals den schönen Satz: »Eine klare Meinung zu haben ist im ahnungslosen Zustand viel leichter.« Aber jenseits der Bonmots spielt die »Meinung« für die faschistische Propaganda tatsächlich eine große Rolle. Es ist bekanntermaßen eine der bizarren Absurditäten, dass die ultrarechten Bewegungen, die – sobald sie an der Macht sind – mit großem Elan alle Freiheit abschaffen, sich auf dem Weg dahin als die Großwesire der »Meinungsfreiheit« darstellen. Wie jeder weiß, tun sie das, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Den Nachbarn als »Messerfachkraft« diffamieren? Ethnische Säuberungen »andenken«? Ist ja »nur« eine Meinung.

Aber neben dieser augenfälligen Tatsache verfolgen sie noch einen zweiten Zweck, nämlich die Zersetzung aller vernunftgeleiteten Debatten. Jede Meinung soll gleich viel wert sein, aber vor allem soll jede Aussage in den Status einer Meinung versetzt werden. Der Faschismus lebt davon, dass Menschen gewissermaßen einen sicheren Boden unter den Füßen verlieren, in Verwirrung versetzt werden, in Angst und in eine Konfusion, in der sie sich in ihrer Welt nicht mehr auskennen. Denn in einem nächsten Schritt kann dann selbst die offensichtlichste Wahrheit infrage gestellt werden. Damit wird Vertrauen in das Wissen und in die Wissenschaft untergraben, und umgekehrt wird auch zur Verbreitung allgemeinen Misstrauens beigetragen, sei es gegenüber Institutionen, sei es gegenüber den Nachbarn, den Nächsten, den Mitmenschen in der Gesellschaft. Die Zerstörung von Vertrauen in jedwede Art von Wissen und die Verbreitung von destruktivem Misstrauen ist ein wesentliches Element in der Umerziehung der Individuen, die den rechten Agitatoren in die Hände fallen. »Unwissenheit«, schrieb schon Theodor W. Adorno, »scheint an sich reaktionäre Trends zu begünstigen«, und »wenn die Menschen nicht wissen, wovon sie reden, verliert der Begriff ›Meinung‹ […] an Bedeutung«. Dabei geht es aber eben nicht einfach um eine Unwissenheit, die man landläufig als Unbildung oder Dummheit bezeichnen würde, sondern um herbeigeführte Unwissenheit. Die Leute sollen mit so vielen widersprüchlichen, begründbaren wie unbegründbaren, wahrheitsbezogenen wie wahrheitsfernen Behauptungen bombardiert werden, dass sie einfach nicht mehr die Realität von der Fantasie, die Wirklichkeit von der Paranoia unterscheiden können. Die Zerstörung der Vernunft ist nicht nur eine Begleiterscheinung rechter Agitation, sie ist für diese zentral. »Flood the zone with shit«, »Überflutet alles mit Dreck«, hat Steve Bannon ja schon vor Jahren ganz unverhohlen als Ratschlag herausgegeben. Georg Seeßlen und Markus Metz bemerken dazu: »Ein taktischer Trick dabei ist (er gilt wohl nur für die Phase der ›Eroberung‹ der Hegemonie), alles in den Rang der ›Meinung‹ zu versetzen. […] Jemand, der die Erde für eine Scheibe hält, ist damit eben nur anderer Meinung als jemand, der sie als einen Planeten ansieht.«

Nicht jede Meinung ist schützenswert

Nun haben die großen Denker des Liberalismus wie John Stuart Mill und andere die »Freiheit des Gedankens« unter anderem mit dem Argument verteidigt, dass noch die Äußerung des abwegigsten Arguments erwünscht sein soll, etwa weil nur die kontroverse Diskussion unterschiedlichster Gesichtspunkte uns der Wahrheit näherbrächte. »Und selbst wenn die Wahrheit schon entdeckt wäre, würde sie robuster dastehen, wenn sie sich regelmäßig gegen herausfordernde Argumente behaupten müsste«, proklamierte Mill. Das ist, neben der menschen- und freiheitsrechtlichen Begründung von Free Speech, gewissermaßen die nutzenorientierte: Langfristig haben alle einen Vorteil, wenn es das Recht gibt, noch den größten Unsinn oder das schlimmste Vorurteil zu äußern. Das ist grundsätzlich schon richtig, aber Mill hatte wohl nicht vorausgesehen, dass es einmal politische Kräfte geben würde, die vorsätzlich das Wissen als solches zerstören.

Es ist kein Wunder, dass die neuen Faschisten deshalb Institutionen der Wissenschaft und Bildung besonders nachdrücklich angreifen. Die Universitäten seien einseitig, wird zunächst beklagt, und es brauche mehr kontroverse Ansichten an den Hochschulen. Das kann da und dort sogar stimmen, man denke nur an die Wirtschaftswissenschaften, wo oft eine neoliberale Monokultur dominiert und die herrschende Macht dafür sorgt, dass linke Forscher keine Chance bekommen. Wahrscheinlich interessieren sich auch mehr linke Personen für eine Professur in Gender Studies und seltener rechtsradikale Schwulenhasser. Aber die pauschale Behauptung ist eine glatte Lüge und operiert mit völlig verrückten Voraussetzungen. 

Es ist kein Wunder, dass die neuen Faschisten Institutionen der Wissenschaft und Bildung besonders nachdrücklich angreifen.

Es wäre doch grotesk, im Sinne einer Freiheit der Forschung unbedingt ein paar Universitätsprofessoren einzustellen, die die Theorie der Scheibenform der Erde vertreten, damit es einen vitalen Meinungsstreit mit den Anhängern der Planetentheorie gäbe. Noch absurder wäre es, zu behaupten, damit würde der Wissensproduktion ein Gefallen getan, weil die Vertreter der wissenschaftlichen Astronomie dann ihre Argumente schärfen müssten. Das Gegenteil wäre der Fall: Es würde ihnen Zeit gestohlen, und die Mittel, die in die Lehrstühle der Scheibentheoretiker flössen, wären reine Verschwendung.

»Wenn wir jedwede Meinung in der Öffentlichkeit zulassen und ihr ausreichend Zeit für eine ernsthafte Prüfung gewähren, so führt dies keineswegs zu einem Prozess, der einer Willensbildung durch Reflexion förderlich ist, sondern zerstört vielmehr die Bedingung der Möglichkeit dazu«, so Jason Stanley, einer der berühmtesten amerikanischen Faschismusforscher. Und er fügt hinzu: »Gleichermaßen kann man die Ideologie des sogenannten Islamischen Staates bedenkenlos ablehnen, ohne sich mit ihren Verfechtern im Seminar- oder Fakultätsraum auseinandersetzen zu müssen. Und ich brauche bestimmt keinen Kollegen, der die Ansicht vertritt, Juden seien genetisch zur Gier veranlagt, um meine Ablehnung dieses antisemitischen Unsinns zu begründen.«

Es geht der faschistischen Propaganda in erster Linie darum, Misstrauen zu schüren. Das ist auch ein wichtiger Teil der Wirkmacht von Verschwörungstheorien. Es geht gar nicht darum, dass die Mitläufer die Verschwörungstheorien wirklich glauben. Es geht darum, dass sie gar nichts mehr glauben. Das ist der erste Schritt in den Wirrkopf-Orbit. Wenn sie sich dann vollends in der Fantasie- und Paranoiawelt verfangen, dann treten sie in den Kreis des harten Kerns der Anhängerschaft ein.

Linker Populismus oder andere Versuche einer radikaleren linken Politik führen oft in die Sackgasse einer regressiven Linken.

Es sind also diese drei Schritte, mit denen die faschistische Agitation die Vernunft zerstört: Erstens wird die These der »Bedrohtheit der Meinungsfreiheit« in Umlauf gebracht, zweitens wird alles zur Meinung verwandelt, die gleich viel gilt, ob grober Unfug oder begründetes Argument, drittens werden die Institutionen des Wissens angegriffen und natürlich auch die Medien, indem echte Journalisten mit Pseudomedien, also reinen Agitations- und Propagandaschleudern, gleichgesetzt werden. All das ist dem großen Ziel unterworfen: der Zerstörung von Vernunft.

Die Fallstricke des linken Populismus

Für Demokratinnen und Demokraten, für Menschen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen, für Progressive, kurzum, für Anhänger der »Linken« im weitesten Sinne heißt das: Sie dürfen nicht schwanken und müssen Verteidiger der Vernunft sein. Und auch dessen, was man im Alltagsgebrauch »Vernünftigkeit« nennt.

Aber oft ergibt sich damit sofort ein Problem. Zielkonflikte tun sich auf, manchmal werden auch unterschiedliche Strategien empfohlen, die allesamt nicht unplausibel klingen, aber dann am Ende dennoch schlechter funktionieren, als ihre Fürsprecher angenommen haben. Mitte-links-Parteien müssen einen akzentuierten Linkskurs einschlagen, um selbst die Energien der Unzufriedenheit repräsentieren zu können, wird da empfohlen. Oder von anderen wiederum: Sie müssen selbst ein wenig rechter werden (oder noch mehr »in die Mitte« rücken), um die Mehrheitsfähigkeit der »demokratischen Mitte« zu gewährleisten. Große Erfolgsstories wurden bisher aus keiner dieser Strategien.

Es gibt daher immer wieder die Kritik, dass breite Teile der gemäßigten Linken die rebellischen, widerständigen Energien den Rechtsextremen überlassen hätten, und ihre langweilige Vernünftigkeit kein Erfolgsrezept sei. Die Systemkritik sei aus dieser Sicht nach rechts gewandert, während die Linken plötzlich nur mehr den Status quo »liberaler Demokratien« verteidigten. Mit dieser Kritik geht manchmal ein Plädoyer für einen »linken Populismus« einher. Was linker Populismus sein soll, ist dabei häufig nicht so klar. Der vor einigen Jahren verstorbene britisch-argentinische Philosoph Ernesto Laclau galt als einer der schlauesten Denker eines solchen »linken Populismus«. Für ihn war eine der Charaktereigenschaften dieses Populismus, dass die Linke die Unterprivilegierten ansprechen müsse – als ein widerständiges »Wir«, gegen das »Sie«, die Etablierten, die Reichen, die Gewinner, diejenigen, die das System zu ihrem Vorteil geschaffen haben. Andere wiederum verbinden mit Linkspopulismus mehr Radikalismus, oder einfach auch leicht verständliche Forderungen, die sich nicht im energielosen Für und Wider, dem Einerseits-Andererseits verlieren, die häufig progressive Regierungspolitik kennzeichnen. Für viele gehört zum »Linkspopulismus« auch eine kraftvolle, volkstümliche Sprache dazu.

Viele dieser Argumente klingen nicht nur plausibel, sie haben auch viel für sich. Aber zugleich führen linker Populismus oder auch andere Versuche einer radikaleren linken Politik sehr oft in die Sackgasse einer regressiven Linken, die ihre Argumente wie mit dem Holzhammer vorträgt. Die Welt wird dann oft in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse unterteilt. Dann macht sich die Linke selbst auf den Weg in die Verdummung, weil ein solcher Manichäismus sowohl die Ambiguitäten der Wirklichkeit als auch die Komplexität jedes Themas ignorieren muss. Und sehr häufig stellt sich bald heraus, dass eine solche Strategie nicht nur zu deprimierenden Simplifizierungen führt, sondern auch zu pseudo-leninistischer Kraftmeierei und Verbalradikalismus, und dass dies noch nicht einmal Erfolge nach sich zieht. Denn im recht heterogenen Wählerpotenzial von Linksparteien schreckt solche Unvernunft immer auch mindestens so viele Leute ab, wie sie möglicherweise anzieht. Die Zahl jener, die man damit gewinnt, ist üblicherweise überschaubar. Und nicht wenige wird man mit der Holzhammermethode angewandter Unintelligenz sogar vergrämen.

Getragen ist diese Idee eines linken Populismus von der wahrscheinlich sehr menschenfreundlichen Hintergrundannahme, dass die Wähler und Wählerinnen der autoritären Rechten diese nicht wegen ihrer fiesen, bösartigen Rhetorik wählen, sondern trotz dieser, einfach um der etablierten Politik ein kräftiges »Nein« entgegenzuschleudern. Gewissermaßen: Eigentlich gute Menschen würden sich einfach verwählen, würden Verführern auf den Leim gehen. Éric Fassin hat schon vor Jahren dagegen nüchtern eingewandt: »Die Wähler Donald Trumps hätten nicht für Bernie Sanders gestimmt; die Wähler Marine Le Pens werden nicht für Jean-Luc Mélenchon stimmen. Und das hängt an Affekten. Das Ressentiment verkehrt sich nicht in Revolte […]. Das niederträchtige Blei des Grolls wird sich nicht in das reine Gold der Empörung verwandeln.« Kurzum: Ein Linkspopulismus hat also seine fragwürdigen Seiten und seine Erfolgsaussichten sind mager.

Die Fallstricke des gemäßigten Linksliberalismus

Das, was man in Kontinentaleuropa gelegentlich den gemäßigten Linksliberalismus nennt, war wiederum oft auch eine Gegenreaktion auf eine regressive Linke, die dachte, die Konflikte in einer modernen Welt in den Kostümen einer untergegangenen Vergangenheit austragen zu können. Das ist das Gute am Linksliberalismus. Aber auch er hat, wie sein Gegenteil, der Linkspopulismus, seine Fallstricke: Er verliert sich leicht in eine derart ausbalancierte Gemäßigtheit und Vernünftigkeit, dass er gar nichts mehr zuwege bringt. Recht häufig wird er auch mit den technokratischen Erfolgstypen identifiziert, die heute oft die Führungskader etablierter progressiver Parteien stellen und eine abgehobene Ausstrahlung haben, sowie mit den progressiven Upperclasses der Innenstädte und Weltmetropolen.

Ja, schlimmer noch: Oft war er einfach eine Kapitulation vor den »Realitäten«, die Akzeptanz des zeitgenössischen Kapitalismus. Der Linksliberalismus ist in aller Regel derart »gemäßigt«, dass er wegen der »realpolitischen« Orientierung keinerlei Leidenschaften entfachen kann, während die akzentuierte Linke einen gewissen »Unrealismus« für notwendig hält, um den Kampf gegen Gewalt, Ungerechtigkeiten, soziale und ökonomische Ungleichheit aufnehmen zu können. Das ist eine häufige Schwäche des Linksliberalismus. Aber dennoch hat er gegenüber einem (verbal)radikalen Linkspopulismus einen großen Vorzug: Die Verdummung der Diskurse, die Gereiztheit, die Phrasen und die allgegenwärtige Propaganda, die mit dem Aufstieg des Rechtsextremismus einhergehen, gehen sehr vielen Leuten richtig auf die Nerven. Es ist eine Sackgasse, zu versuchen, in diesem Stil mit Faschisten und Rechtspopulisten in eine Konkurrenz zu treten. Die demokratische Linke muss dagegen auf die Macht des Wortes, auf die des leisen Nachdenkens und Abwägens, aber auch auf die Macht der Gesprächsführung setzen, wozu das Argumentieren, das Widersprechen, aber auch das Zuhören gehört: »Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat«, formulierte Sigmund Freud einmal.

Die demokratische Linke muss auf die Macht des Wortes, aber auch auf die des Nachdenkens, des Abwägens und der Gesprächsführung setzen.

Vielleicht werden manche jetzt entgegnen, dass es romantisch oder sogar naiv sei, auf diese Weise auf die Macht des Wortes, nämlich auf die Macht des grübelnden, leisen Hin und Her des vernünftigen Dialogs zu setzen, auf das, was Jürgen Habermas in einer längst legendären Formulierung den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« nannte. Dann sollten wir allesamt romantischer werden. Denn ich denke, im Gegenteil, dass es keine andere gute Möglichkeit zur Verbesserung unserer Gesellschaften gibt, als sich – um Kant zu paraphrasieren – des eigenen Verstandes zu bedienen und das öffentlich zu tun und die Macht des Wortes zur Geltung zu bringen, gegen das Geschrei.

Es gibt einen Hang zur Vereindeutigung der Welt oder, umgekehrt, den »Widerwillen, Uneindeutigkeit auszuhalten«, wie das der deutsche Philosoph Thomas Bauer nannte. Der meinte, erstrebenswert wäre »Ambiguitätstoleranz«. Soll heißen: Die meisten Geschehnisse haben mehrere Aspekte, und außerdem wissen wir oft nicht genug für ein klares Urteil. Die Dinge sind uneindeutig, außerdem verändern sie sich dauernd. Der Verbalradikalismus, die leninistische Mentalität und der Kult der »Entschlossenheit« wissen immer sehr genau, was richtig und was falsch ist. Dennoch haben sie einen wichtigen Punkt. Der Linkspopulismus wendet sich, übrigens ähnlich wie auch die Überzogenheiten der Identitätspolitik, gegen die Gemäßigtheit, die nichts zuwege bringt und von Angepasstheit nicht mehr zu unterscheiden ist. Aber seine Laster überwiegen bei Weitem seine Tugenden. Die Laster: das Manichäische, die Selbstbeschwörung, der Kult der Entschiedenheit, die Versuchung, dauernd auf der falschen Seite zu stehen.

Könnte man die Tugenden des Linksliberalismus und einer akzentuierten, gesellschaftsverändernden Linken verbinden?

Im Grunde wäre das die große Aufgabe: Der Königsweg wäre so etwas wie ein »radikaler Linksliberalismus«, wenn es denn so etwas gäbe, angelehnt an einem »revolutionären Reformismus«, der nicht nur den autoritären Versuchungen einer regressiven Linken und den Verlockungen entgeht, eine komplexe Welt in alberne Eindeutigkeiten aufzulösen, sondern der zugleich die Falle eine totalen Gemäßigtheit vermeidet, die gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwelche ambitionierten Ziele zu formulieren. Also etwas von der Art: radikal in der Ambition, aber vernünftig in Stil und Ton, gewinnend und zugewandt auch jenen gegenüber, die noch nicht überzeugt sind.

Vielleicht lässt sich das am besten mit einer kleinen Anekdote beschreiben. Victor Adler, der legendäre Gründer und Anführer der österreichischen Sozialisten im 19. Jahrhundert, war einmal von einer Unterorganisation der Partei eingeladen, um über das »Parteiprogramm« zu sprechen. Seinem Freund Karl Kautsky berichtete er, dass »ein gescheiter Genosse« hinterher gemeint habe, er – Adler – habe gar nicht »über«, sondern »gegen das Programm« geredet. Tatsächlich habe er einige Phrasen und »Generalisierungen« der eigenen Leute durch den Kakao gezogen, Schlagworte und Kraftmeierslogans. Bei anderer Gelegenheit gestand Adler ein, »dass ich mich bemühe, bei allen Dingen beide Seiten zu sehen«. Mentalitätsmäßig war Adler das, was heutige junge Sektierer und Eindeutigkeitsfanatiker »Liberalo« nennen. Also so eine Art »Linksliberaler«.Was »Linksliberalismus« heißt, ist ja sowieso nicht ganz klar. Ist damit eine spezielle, umfassende Programmatik gemeint, eine weltanschauungsmäßige Eigenständigkeit? Dann gehört zu dieser ein »Paket«, das Demokratisierung umfasst, eine prinzipientreue Pro-Freiheitshaltung und eine im weitesten Sinne keynesianische Wirtschaftstheorie, die Wohlfahrt für alle, die Regulierung wild gewordener Märkte anstrebt, aber auch Skepsis gegenüber Staats- und Planwirtschaft hat. Ein solcher grundlegender Linksliberalismus will Machtprivilegien schleifen und alle Zwänge bekämpfen, die Menschen knechten, wozu von Armut und Ungleichheit bis Konventionen und Diskriminierungen so ziemlich alles gehört. Er versucht, Freiheit und Gleichheit zu verbinden. 

Fatale Verkehrung: Rechts für die Freiheit, links für das Verbot

Es gibt daneben auch eine andere, aber nicht weniger wichtige Form von »Linksliberalismus«, die mehr einen Habitus und geistige Lebensform als eine eigenständige politische Programmatik meint, sich also wesentlich durch Nichtdogmatik und Nachdenklichkeit auszeichnet. So wie oben bei Victor Adler: Der war ja nicht in erster Linie linksliberal. Er war ein Linker und mutiger Weltveränderer. Aber eben ein schlauer. Einer, der den simplen Phrasen und Eindeutigkeiten misstraute. Der bei allen Dingen »beide Seiten« sah. Nun kann man dieses »von allen Dingen beide Seiten«-Sehen natürlich auf den Linksliberalismus selbst anwenden, der einen »Nutzen und Nachtheil für das Leben« hat, um Nietzsche eine Phrase aus anderem Kontext zu klauen. Er nimmt überall das Einerseits und Andererseits wahr, hat eine wache Nase für Ambivalenzen und Graustufen, und wenn er dann alle Für und Wider wahrgenommen hat, dann ist erstens schon einmal viel Zeit vergangen und zweitens weiß er bei so viel Pro und Contra am Ende nicht mehr, was er tun soll. Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Wie gesagt: Was ihre Stärke ist, ist zugleich ihre Schwäche. Die starken Emotionen – Wut, Angst, Empörung – sind bei der Vereindeutigung und aufseiten der populistischen Versimpelungen, was dazu führt, dass die linksliberale Mentalität die Wucht des großen Gefühls eher nicht auf ihrer Seite hat.

Stattdessen erleben wir eine zweite fatale Verkehrung: Während die Rechte, wie beschrieben, für sich die Freiheit, insbesondere die zur Meinung reklamiert, ist der Begriff des »Verbots«, früher verpönt, nunmehr zu einer ganz selbstverständlichen Vokabel in sogenannten »linken« Diskursen geworden ist (ab hier sind die Gänsefüßchen angebracht, weil es spätestens hier überhaupt nicht mehr mit linken Grundwerten vereinbar ist).

Dieser Text soll gecancelt werden, dieser Meinungsbeitrag aus Anthologien verschwinden, jenes Stück nicht aufgeführt, dieser Film in den Giftschrank gesperrt, jenes Bild nicht mehr gezeigt, dieses Konzert verboten werden – jeder auf der Linken kennt diese Debatten. War die einstige Linke von der Lust an der Befreiung motiviert, ist diese Pseudo-Linke von der Lust am Verbot und der Anprangerung getrieben. 

Die autoritäre Linke ist ein Problem, weil sie, ganz simpel, die Linke unattraktiv macht. 

Nur damit hier kein Missverständnis entsteht: In den meisten inhaltlichen Fragen selbst, vom Antirassismus, in Fragen der postkolonialen Theorie, beim Thema Rape Culture bis zum Respekt für Transpersonen stehe ich den inhaltlichen Positionierungen dieser Milieus deutlich näher als ihren Antipoden – nur ihr konfrontativer Stil, der Autoritarismus und der Geist des Totalitären wecken meine Gegnerschaft. Diese autoritäre Linke ist natürlich ein Problem. Erstens weil sie, ganz simpel, die Linke unattraktiv macht. Wann immer die Linken große Mehrheiten begeistern konnten, spielte das Versprechen von Freiheit – beginnend mit den Grundfreiheiten wie Rede-, Meinungs-, Versammlungs- und Kunstfreiheit – eine zentrale Rolle, und darüber hinaus ein Versprechen von Befreiung aus Konventionen, Normen, Konformitätsdruck, die Befreiung aus autoritären Zwängen, wie man zu leben habe. Eine muffelnde Linke, die ihre eigenen Mitstreiter in permanente Angst versetzt, irgendetwas Falsches zu sagen und den Konformitätsdruck der eigenen Blase nur ja nicht zu verletzen, eine Linke, in der das Wort »Großzügigkeit« zu einer verpönten Vokabel wird, ist einfach abstoßend – und damit die schlechteste Reklame für die eigene Sache.

Hinzu kommt: Im Prozess der Gruppenradikalisierung entfernen sich die Protagonisten so weit vom Mainstream der verachteten »Normalos«, dass man jeden Einfluss in der Breite der Gesellschaft verliert. Jede Bündnisfähigkeit wird zerstört.

Es ist ein systemisches Dilemma: Was in der eigenen Gruppe zum »Erfolg« führt, trägt gleichzeitig zur Bauchlandung jenseits der engen Gruppengrenzen bei. Das Anreizsystem unserer neuen medialen Struktur ist einfach so, dass man mit einer kleinen, aber verschworenen Anhängerschaft belohnt wird, wenn man möglichst krasse Meinungen vertritt und von diesen auch niemals abweicht, während Ausbalanciertheit für den Aufbau einer Hardcore-Fangemeinde Gift ist. Denn Einerseits-Andererseits-Ansichten findet die Mehrheit zwar klug und richtig, aber natürlich wird man nicht zum begeisterten oder gar fanatischen Fan von solchen.

Die autoritäre Rechte reibt sich die Hände

Wirklich tragisch ist aber: Die autoritäre Rechte kann sich die Hände reiben, wenn ihr die Linke den Boden für die Liebe zum Verbot bereitet. Wer die Vernichtung der sozialen Existenz von abweichenden Meinungen betreibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die andere Seite das demnächst noch mit deutlich nachhaltigeren Mitteln durchzieht. 

Wie weit haben wir es eigentlich gebracht, wenn Berufsrichter in Roben und mit komischen Hüten antiautoritärer sind als die Linken?

Der Geist, dass man abweichende Ansichten einfach verbieten sollte, hat sich mittlerweile so weit in unsere Gesellschaft – links, rechts und in die Mitte – hineingefressen, dass heute die Höchst- und Verwaltungsgerichte die verlässlicheren Verfechter liberaler Freiheitsrechte sind als die Erben einstiger antiautoritärer Bewegungen. Wie weit haben wir es eigentlich gebracht, wenn Berufsrichter in Roben und mit komischen Hüten antiautoritärer sind als die Linken?

Jener Linksliberalismus, der mir vorschwebt und den ich oben am Beispiel von Victor Adler beschrieben habe, ist dagegen eine Kraft von Freiheit und Befreiung, von Emanzipation und Antiautoritarismus, aber auch von der Befreiung des Lebens – eben von Lebensfreude. Die Linke war, wenn sie Mehrheiten begeisterte, stets eine Bewegung von Großzügigkeit, Zärtlichkeit, des Nonkonformismus und des Zuhörens, und, ja, ein Motor der Freundlichkeit. Wie mein verstorbener Freund Christian Semler, anfangs selbst radikaler 68er, später immer gelassener und toleranter, einmal schrieb: »Freundlichkeit ist eine Haltung, sie ist lernbar. Wo Freundlichkeit nicht geübt werden kann, wegen der Härte der Klassenauseinandersetzungen, leben wir in finsteren Zeiten.« Jagoda Marinić nennt das, was es bräuchte, »sanfte Radikalität«. Wer in einer Demokratie seine Vorstellungen auf dem Marktplatz der Ideen durchsetzen möchte, erläutert Marinić, »muss lernen, seine Ideen für möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zugänglich zu machen. Das gelingt nicht, indem ich andere anschreie oder ihnen ein schlechtes Gewissen mache, es gelingt nicht rein pädagogisch und schon gar nicht dogmatisch.« Wer vorgibt, sich für eine Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen, doch vorwiegend Positionen vertritt, die Menschen unterschiedlicher Lebensrealitäten gegeneinander ausspielt, »riskiert […] letztendlich in der Praxis die Stagnation«. Schlimmer: Er ist ein nützlicher Idiot und Helfershelfer jener, »die einen Backlash wünschten«. Und Marinić weiter: »Manchmal war es schmerzhaft zu sehen, wie Menschen, mit denen ich 2010 angefangen hatte, über Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Wandel nachzudenken, sich in wenigen Jahren radikalisiert hatten.« Sie selbst sagt: »Ich wurde sanfter auf diesem Weg.«

Persönlich kommt mir gerne das Aperçu in den Sinn, das dem radikalen britischen Historiker A. J. P. Taylor zugeschrieben wird, der auf die Frage, ob es denn stimme, dass er extreme Meinungen vertrete, gekontert hat: Dies sei wohl richtig, er vertrete sie aber auf moderate Weise.

Bei alledem gibt es, trotz der zunehmenden Polarisierungen, keinen Grund zu verzagen. Ich denke sogar, dass das Geschrei, die Unvernunft und die Schlagwort-Versimpelungen den meisten unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die Nerven gehen. Sie wissen, dass die Dinge ihre Ambiguitäten haben. Dumme Polemiken widern sie an. Sie sehnen sich nach Sachlichkeit im Meer von Krach und Radau.

Ein kluger, radikaler Linksliberalismus müsste dafür liberale Besonnenheit und linke Entschiedenheit unter einen Hut bringen. Gewiss, das ist nicht leicht. Aber wir sind ja auch nicht auf der Welt, damit wir es leicht haben. 

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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