Ausgabe Mai 2026

Rechts, weiblich – und frei?

Wie traditionalistische Frauenbilder den autoritären Aufstieg befördern

Die »Tradwives«, also »traditionelle Ehefrauen«, preisen die Vorteile stereotyper, dem Mann untergeordneter Weiblichkeit an. (Bild: IMAGO / allOver-MEV)

Bild: Die »Tradwives«, also »traditionelle Ehefrauen«, preisen die Vorteile stereotyper, dem Mann untergeordneter Weiblichkeit an. (Bild: IMAGO / allOver-MEV)

Mit dem weltweiten Aufstieg der autoritären Rechten vollzieht sich in vielen modernen Gesellschaften eine antifeministische und antidemokratische Wende. Rechtskonservative und rechtsextreme Frauen und ihre Erzählung von einer »konservativen Weiblichkeit« leisten dazu ihren Beitrag – und werden noch immer massiv unterschätzt.

Wir müssen über einen Elefanten im Raum sprechen, nämlich über rechtskonservative und rechtsextreme Frauen. Das postpatriarchale Chaos unserer Tage, das nicht etwa von einer konservativen Rückkehr zu alten patriarchalen Werten geprägt ist, sondern vom skrupellosen Streben toxischer Männer nach einer ungeregelten Herrschaft des Stärkeren, wird ja nicht nur von Männern veranstaltet, sondern Frauen mischen gehörig mit. Zwar sind rechtsextreme Parteien deutlich männerdominiert, in einer Größenordnung von etwa 80 Prozent,1 aber mit Marine le Pen, Giorgia Meloni und Alice Weidel stehen in wichtigen europäischen Ländern Frauen an ihrer Spitze. In den USA hat bzw. hatte Donald Trump in Pam Bondi und Kristi Noem loyale Ministerinnen, und seine Stabschefin Susie Wiles ist eine der wichtigsten Personen im Weißen Haus. In Japan ist im Oktober 2025 erstmals eine Frau Ministerpräsidentin geworden, und zwar die rechtsgerichtete Nationalistin Sanae Takaichi. Und den Friedensnobelpreis gewann im selben Jahr die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado, die ebenfalls zur internationalen Rechten gezählt werden kann. 

Aber nicht nur in politischen Spitzenämtern, auch auf einer kulturellen, gesellschaftlichen Ebene verschaffen sich konservative Frauen zunehmend Gehör. Als Influencerinnen bewerben sie in sozialen Medien häusliche Lebensstile voller Geschlechterklischees. Die »Tradwives«, also »traditionelle Ehefrauen«, preisen die Vorteile stereotyper, dem Mann untergeordneter Weiblichkeit an, wobei es allerdings ein breites Spektrum von Varianten gibt, das von radikaler Unterwürfigkeit bis zu emanzipatorischer Rhetorik reicht. Das Phänomen gibt es nicht nur in weiß-christlichen Kontexten, sondern auch in islamischen, jüdisch-orthodoxen, afrikanischen oder arabischen, die im Netz jeweils eigene Versionen von »traditionellem«, heteronormativem, submissivem Frausein propagieren. 

Auch das alles ist nur aus einer postpatriarchalen Perspektive zu verstehen. Kaum eine der Frauen, die sich heute als rechts, konservativ und antifeministisch verstehen, würde wohl tatsächlich per Zeitreise in die 1950er Jahre oder gar 1910er Jahren zurückkehren und ihr Leben dort als Frau verbringen wollen. Die konservative Weiblichkeitserzählung des 21. Jahrhunderts setzt voraus, dass die zentralen Errungenschaften der Emanzipation – gleiche formale Rechte, Zugang zu Bildung, kulturelle Anerkennung von Frauen als vollwertige Menschen – als selbstverständlich gelten. Häufig greifen die Vertreterinnen eines neuen Konservatismus die Rhetorik der Gleichstellung sogar demonstrativ auf: Frauen dürfen und können überall führende Positionen einnehmen, sie sollen bloß nicht dazu genötigt werden. Linken und Liberalen wird unterstellt, dass sie Frauen einen bestimmten Lebensweg aufzwingen wollen, während Rechte und Konservative ihnen echte Wahlfreiheit ließen: Nicht patriarchaler Zwang, sondern »wirkliche« Freiheit ist das, was Tradwife-Accounts ihren Anhängerinnen versprechen. Und was bei vielen Frauen auf Resonanz stößt. 

Da die Frauenbewegung historisch aus sozialistischen, antirassistischen, progressiven Bewegungen hervorgegangen ist, haben wir uns angewöhnt, Feminismus als »irgendwie links« einzuordnen. In der Tat haben Arbeiterbewegungen emanzipatorische Forderungen früher als konservative oder liberale Milieus unterstützt, und auch heute sprechen die Frauenanteile der im Bundestag vertretenen Parteien eine klare Sprache: 11,8 Prozent Frauen sind es bei der AfD, 22,6 bzw. 25 Prozent bei CDU und CSU, 41,7 Prozent bei der SPD sowie 56,2 und 61,2 Prozent bei der Partei Die Linke und beim Bündnis 90/Die Grünen.2 Auch beim Wahlverhalten gibt es einen signifikanten Gender-Gap zwischen Frauen und Männern – zehn Prozentpunkte lagen sie bei ihrer Zustimmung zu Donald Trump im November 20243 auseinander, sechs Prozentpunkte bei der zur AfD bei der Bundestagswahl 20254

Andererseits haben Frauen noch bis vor wenigen Jahrzehnten im Schnitt deutlich konservativer gewählt als Männer. Es waren auch konservative Parteien, die früher als andere erfolgreiche Politikerinnen hervorgebracht haben, denken wir nur an Margaret Thatcher oder Angela Merkel. Erstaunlich ist das nur auf den ersten Blick. In Wahrheit ist es eine logische Folge des historischen Ausschlusses der Frauen: Weil sie »eigentlich« nicht in die Parteipolitik gehören, stehen Politikerinnen, wenn sie entsprechende Ämter bekleiden, unter besonderer Beobachtung. Während ihre männlichen Kollegen sich in Parlamenten und auf Regierungsbänken gewissermaßen in ihrem natürlichen Habitat befinden und keine besonderen Qualifikationen benötigen, müssen Frauen und Queers erst einmal unter Beweis stellen, dass sie für ihre Aufgaben geeignet sind. Dieser Nachweis gelingt ihnen umso leichter, je konservativer und traditioneller sie auftreten. Auch deshalb tendieren Quotenregelungen dazu, konformistisch zu wirken: Männer können es sich leisten, auch mal über die Stränge zu schlagen; gerade bei jungen Männern gehört eine Prise Revoluzzertum sogar dazu. Es ist Teil ihrer traditionellen Rolle, das Bestehende herauszufordern. Bei Frauen nicht. Wenn Frauen, und erst recht junge Frauen, »zu links« sind, wenn sie die herrschenden Regeln und Traditionen hinterfragen, werden sie nicht einfach als politische Gegnerinnen wahrgenommen, sondern als unfähig, ihr Amt auszuüben. Das Muster ist auch nach hundert Jahren Gleichberechtigung noch nicht überwunden, wie 2025 an der erfolgreichen rechten Diffamierungskampagne gegen eine Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, Frauke Brosius-Gersdorf, zu beobachten war. 

Eine einfache Gleichsetzung von »Feminismus« mit »Links« führt aber noch aus einem anderen Grund in die Irre. Während »Links« einen historisch gewachsenen Standpunkt meint, nämlich republikanische, demokratische oder sozialistische Überzeugungen, liegen die Wurzeln des Feminismus im weiblichen Begehren, sind also inhaltlich unbestimmt. Männliches »Linkssein« bezeichnet eine Gruppe von Männern, die sich von anderen Männern (den »Rechten«) durch ihre politischen Positionen unterscheidet. »Feministischsein« hingegen bezieht sich auf weibliche Subjektivität, auf die Stimme von Frauen, die im Patriarchat qua Geschlecht ausgeschlossen war und nun Gehör bekommen soll. Feministische Analysen des Rechtsextremismus brauchen daher einen eigenständigen Zugang. Sie müssen zwischen zwei falschen Alternativen navigieren: Weder sind Frauen »ganz genauso rechtsextrem« wie Männer, noch sind sie qua Frausein eine friedfertige, gewissermaßen »natürliche« Alternative zum Faschismus. Sondern das »Rechtssein« von Frauen äußert sich anders als das von Männern. Es bedient sich anderer Narrative, antwortet auf andere Sehnsüchte, speist sich aus anderen Erfahrungen. Und wir brauchen daher auch andere Strategien, um ihm entgegenzutreten. 

Nicht patriarchaler Zwang, sondern ›wirkliche‹ Freiheit ist das, was Tradwife-Accounts ihren Anhängerinnen versprechen.

Das rechtspopulistische Versprechen »echter Wahlfreiheit« 

Was ist es, was »rechte Frauen« antreibt? Welches Begehren steckt etwa hinter ihrer Faszination für altbackene Geschlechterklischees? Das amerikanische Hochglanzmagazin Evie, das seit seiner Gründung 2019 zum Sprachrohr für das Lebensgefühl rechtskonservativer Frauen in den USA geworden ist, behauptet: »Im Patriarchat haben Männer ein Verantwortungsgefühl gegenüber Frauen, Kindern und der größeren Gemeinschaft.«5 Das Versprechen ist also, dass es zurückgeht in eine Zeit, in der noch alles in Ordnung war, und vor der man sich nicht fürchten muss, weil sie als alte Tradition bestens erprobt und bewährt ist. Und ja: Wer wollte bestreiten, dass es schön wäre, wenn Männer, statt postpatriarchales Chaos zu veranstalten, Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft zeigen würden! Dass das Patriarchat keineswegs so rosig war, wie Evie es darstellt, können junge Frauen von heute nicht aus eigenem Erleben wissen – sie haben das echte Patriarchat nie erlebt. Nicht einmal ihre Mütter haben es noch erlebt. Was die jungen Frauen heute hingegen erlebt haben, weil sie es bei ihren emanzipierten Müttern beobachtet haben, ist der schier übermenschliche Performancedruck, der auf Frauen lastet. Sie sollen beruflich Karriere machen, Kinder erziehen, ihren Körper fit und schön halten und womöglich auch noch politisch aktiv sein und sich für das Gemeinwesen einsetzen. Angesichts dieser strukturellen Überforderung muss man sich nicht wundern, wenn viele Frauen von einem »soften, schönen Leben« träumen, ganz ohne »diesen ständigen Druck, irgendwelche Dinge erreichen zu müssen«, wie Evie-Chefredakteurin Brittany Hugoboom es ausgedrückt hat.6 

Die feministischen Reaktionen auf solche Ansagen changieren oft zwischen Häme und Katastrophenalarm.7 Und keine Frage: Es handelt sich bei all dem um Propaganda für autoritäre, frauenfeindliche Weltbilder. Aber dennoch spricht der Tradwife-Evie-Kosmos mit der notorischen Verantwortungslosigkeit vieler Männer von heute und der chronischen Care-Krise reale Probleme an und legt den Finger in so manche Unzulänglichkeit des Status quo. Als Feminist:innen müssen wir nicht über jedes Tradwife-Stöckchen springen, das der aufgeregte öffentliche Bullshit-Diskurs uns hinhält. Ja, vieles am Tradwife-Kosmos ist unerträglich, aber er ist sicher nicht die schlimmste Ecke im rechtsautoritär-populistischen Kosmos. Und mit manchen der Frauen, die die Inszenierung von selbst gemolkener Ziegenmilch in Country-Style-Küchen anziehend finden, sind Gespräche und Auseinandersetzungen durchaus möglich. Das Argument »In Wirklichkeit bist du unterdrückt, du merkst es nur nicht« war noch nie besonders zielführend, auch nicht, wenn es zutrifft. 

Was die jungen Frauen heute erlebt haben, ist der schier übermenschliche Performancedruck, der auf Frauen lastet.

Das Problem am rechtspopulistischen Versprechen von »echter Wahlfreiheit« zwischen Karriere und Hausfrauen-Dasein ist nicht die implizite Kritik am Status quo, sondern dass hier eine Lösung behauptet wird, die nicht funktioniert. Die schönen Reels der Tradwife-Influencerinnen zeigen ja nicht die Realität, sondern eine sorgfältig kuratierte Fiktion. Sie erzählen das Märchen von einem glücklichen Leben mit romantischer Liebe in funktionierenden heterosexuellen Beziehungen, mit vielen Kindern in einer gesunden Umgebung mit intakter Natur, ohne große Konflikte oder finanzielle Sorgen. Im wahren Leben kann diese Utopie selten verwirklicht werden. Die Ernährerfamilie als Lebensmodell hat für breite Bevölkerungsschichten nur in sehr eng umrissenen historischen Situationen und über kurze Zeiträume funktioniert, etwa im westdeutschen »Wirtschaftswunder« nach dem Zweiten Weltkrieg. Normalerweise verdienen Männer in kapitalistischen Ökonomien nicht genug, um den Lebensunterhalt einer nicht erwerbstätigen Ehefrau mitzufinanzieren. Und die intakte Natur mit glücklichen Kühen im goldenen Abendlicht ist angesichts des Klimawandels auch eher ein Wunschbild. Stereotype Geschlechterrollen und rechtsautoritäre Politik sind kein Weg, um uns mehr Zeit für Kinder oder aufwändiges Kochen »from scratch« zu schenken. Ganz im Gegenteil: Sie verstärken die ökonomische Ungleichheit und zwingen damit immer mehr Menschen jeden Geschlechts zu immer mehr Erwerbsarbeit. Aber nicht nur in ökonomischer Hinsicht kann die Imitation vergangener patriarchaler Geschlechterrollen nicht funktionieren, sie ist auch in sozialer Hinsicht illusionär. Natürlich kann es vorkommen, dass eine Frau einen gutverdienenden, verantwortungsvollen, liebenden und respektvollen Ehemann findet, mit ihm zusammen einen Haufen Kinder bekommt und ein langes, zufriedenes gemeinsames Leben führt. Aber dafür müssen so viele glückliche Umstände zusammenkommen, dass es einem Lottogewinn gleichkommt. Die eigene Berufstätigkeit zu vernachlässigen und sich finanziell, emotional und sozial von einem Ehemann abhängig zu machen, ist heute mehr als früher eine riskante Lebensentscheidung. Dass Familien keine sicheren Orte sind, sondern von häuslicher Gewalt, innerfamiliärem Despotismus, weiblichen Depressionen und schwarzer Pädagogik geprägt, ist keine Seltenheit. In Familien werden mehr Sexual- und Gewaltverbrechen gegen Frauen und Kinder verübt als auf der Straße oder im Park, die größte Gefahr droht Frauen nicht von Fremden, sondern von Tätern, die die Opfer kennen, mit denen sie oft sogar verwandt sind.8

Aus solchen Gründen – und nicht, weil sie etwas gegen selbstgebackenen Apfelkuchen hätten – warnen Feminist:innen junge Frauen davor, sich in emotionale, soziale und finanzielle Abhängigkeit von einem bestimmten Mann zu begeben. Der Feminismus untergräbt keineswegs die romantische Liebe, sondern stellt sie auf realistische Füße. Strukturen, die im Fall eines Konfliktes alle Macht und alle Rechte beim Mann konzentrieren, sind Gift für die Liebe. Das wird spätestens dann klar, wenn man sich im männlichen Gegenkosmos zu den Tradwives umschaut, der sogenannten »Mannosphäre« des Internets, wo konservative bis rechtsextreme Männer ihren Überlegenheitsfantasien und ihrem Hass auf Frauen, Queers und alles »weiblich« Konnotierte freien Lauf lassen. Der radikale Maskulinismus, den wir heute erleben, treibt das alles deutlich weiter, als es das traditionelle Patriarchat je getan hat, das Ehefrauen immerhin eine gewisse rechtliche und soziale Absicherung gewährte. Die Autorin Meike Stoverock bringt das Missverständnis auf den Punkt: »Was Frauen unter Tradwife verstehen: Vollberuflich Hausfrau und Mutter sein. Was Männer darunter verstehen: keine Widerworte, keine Bildung, keine Individualität, kein Mitspracherecht, kein Besitz.«9 

Ayn Rand: Ideengeberin konservativer Weiblichkeit?

Es ist in diesem Zusammenhang mehr als nur eine Fußnote, dass eine der wichtigsten Ideengeberinnen für den Neoliberalismus eine Frau war: die Philosophin und Bestsellerautorin Ayn Rand. Geboren 1905 in Sankt Petersburg kam Rand im Alter von 20 Jahren aus dem von ihr verhassten Sowjet-Russland in die USA und entwickelte ihre politische Haltung in Auseinandersetzung mit dem »New Deal« der 1930er Jahre. Den Sozial- und Wirtschaftsreformen von Präsident Franklin D. Roosevelt, insbesondere der Einführung von Bankenregulierung und Sozialversicherung, stellt sie eine Philosophie entgegen, die sie »Objektivismus« oder auch »rationalen Egoismus« nennt. Staatliche Maßnahmen, die über Gefahrenabwehr hinausgehen, lehnt sie ebenso ab wie religiöse Moralvorstellungen oder eine Pflichtethik im Kantschen Sinne. Das alles sei zwar gut gemeint, führe in der Anwendung aber nur zu Korruption und ökonomischer Ineffizienz. 

Ayn Rands Romane »The Fountainhead« (1943, 1949 mit Gary Cooper in der Hauptrolle verfilmt) und »Atlas Shrugged« (1957) erzählen davon, wie tatkräftige Helden mit Unternehmergeist durch staatliche Gängelung daran gehindert werden, das zu tun, was für die Gesellschaft gut wäre. Rands Bücher erzielten Millionenauflagen und sind bis heute Bestseller. Warum sie in neoliberalen Kreisen und vor allem im Silicon Valley adaptiert werden, ist leicht zu verstehen: Rands Helden sind geradezu eine Einladung an selbstverliebte Egomanen, sich mit ihnen zu identifizieren. Aber auch wenn die heutigen Wortführer des rechten Kulturwandels sich gerne auf Ayn Rand berufen, verhalten sie sich in Wahrheit keineswegs wie einer ihrer Helden. Mark Zuckerberg, Bill Gates, Tim Cook und andere Tech-Bosse sind dermaßen abhängig von der Regierung, dass sie sich nicht zu schade sind, schleimige Lobeshymnen auf den autokratischen Präsidenten zu singen, wie im August 2025 bei einem Dinner im Weißen Haus.10 Ayn Rand würde das maximal peinlich finden. 

Für traditionelle Männlichkeit ist Rands Philosophie eine Erlaubnisstruktur. Für traditionelle Weiblichkeit ist sie ein Widerstandsappell.

Von feministischer Seite wird Ayn Rand hingegen überhaupt nicht rezipiert, obwohl ihre Philosophie auch interessante Fragen in Bezug auf die Konstruktion von Weiblichkeit aufwirft: Wenn Egoismus die einzige moralisch legitime Haltung ist, was bedeutet das für das Konzept Mütterlichkeit? Für die Beziehungen zwischen Eheleuten? Rands Figuren sind durchaus eine Herausforderung für traditionelle Geschlechterrollen. Die eigentliche Heldin in Rands 1000-Seiten-Epos »Atlas Shrugged« etwa ist nicht der geniale Erfinder John Galt, sondern die Eisenbahn-Unternehmerin Dagny Taggart. Während Dagnys Bruder eine unternehmerische Niete ist und nur staatlichen Subventionen hinterherjagt, gelingt es ihr, das Familienunternehmen in schweren Krisen mit sicherer Hand zu führen. Dagny Taggart ist aber nicht nur eine emanzipierte Frau, sie ist vor allem eine Advokatin des persönlichen Begehrens und zu keinerlei Konformismus bereit. Sie hat Sex mit allen coolen Männern und eine Philosophie, die ihr hilft, Anforderungen an weibliche Selbstlosigkeit und Aufopferungsbereitschaft zurückzuweisen: Sie ist überzeugt, dass Altruismus unmoralisch ist, dass man nie etwas nur anderen zuliebe tun sollte. Schon gar nicht einem Mann oder der öffentlichen Meinung zuliebe. 

Rands Philosophie des »rationalen Egoismus« klingt unterschiedlich, je nachdem, ob sie von einer Frau oder von einem Mann verkörpert wird. Für traditionelle Männlichkeit ist Rands Philosophie eine Erlaubnisstruktur: Nimm, was du kriegen kannst. Für traditionelle Weiblichkeit ist sie ein Widerstandsappell: Gib nichts, was sich die anderen nicht verdient haben. Das bedeutet nicht, dass man Ayn Rand als Feministin verstehen könnte, das hätte sie weit von sich gewiesen. Ihr Beispiel zeigt aber, warum liberale, individualistische Politikkonzepte für Frauen attraktiv sein können. Eine Welt, in der es nur auf die eigene Leistungsfähigkeit ankommt, bietet für tatkräftige, talentierte Frauen Chancen, während ein »linker« moralischer Appell, sich mit allen Benachteiligten solidarisch zu zeigen, Ähnlichkeiten mit religiösen oder familiären Anforderungen haben kann, die eigenen Wünsche zugunsten von anderen hintenanzustellen.11 Rands Kollektivismuskritik scheint auch bei vielen Tradwife-Influencerinnen durch, allerdings lehnen sie staatliche Einflussnahme nicht vom Standpunkt des Individuums aus ab, sondern von dem der Familie. Ayn Rand blickt als überzeugte Atheistin relativ mitleidlos auf diejenigen, die »es nicht schaffen«, wohingegen Frauen aus dem Evie-Kosmos große Familienverbünde und Kirchengemeinden als legitime Orte für Mildtätigkeit ansehen. Doch beide Ideale entwerfen eine Welt, in der kein Chaos herrscht, sondern eine gute Ordnung, in der es keine »Schmarotzer« gibt und keine Egoisten, die nur »nehmen was sie kriegen können, und nichts davon zurückgeben«. 

Was tun gegen den konservativen Weiblichkeits-Trend?

Wie können Feminist:innen heute sinnvoll auf den konservativen Weiblichkeits-Trend reagieren? Eine offensichtliche Möglichkeit wäre, die teilweise berechtigten Anliegen von Frauen, die diesen unterstützen, sichtbar zu machen und gleichzeitig aufzuzeigen, warum die angepriesenen Lösungen in Wahrheit keine sind. Was hingegen nicht hilft, ist, ihnen innere Widersprüche vorzuwerfen, sich etwa darüber zu entrüsten, dass eine Influencerin wie »Ballerinafarm« Hannah Neeleman mit über zehn Millionen Followern auf TikTok wohl kaum eine »traditionelle Hausfrau« sei, sondern eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Oder dass Trumps Pressesprecherin Karoline Leavitt keineswegs das Ideal hingebungsvoller Mutterschaft lebt, wenn sie wenige Monate nach der Geburt ihres ersten Kindes einen Job antritt, der – nach eigenen Angaben – vollen Einsatz von 24 Stunden an sieben Tagen die Woche erfordert. Diese Art der Kritik geht schon deshalb ins Leere, weil die meisten Tradwives keineswegs so eindimensional argumentieren, wie hier unterstellt wird. Sie fahren ganz bewusst strategisch mehrgleisig.

Im MAGA-Milieu sind ›Karrierefrauen‹ durchaus akzeptiert – als legitime Ausnahmen von der Regel.

Das Changieren zwischen klassischen Geschlechterstereotypen und emanzipatorischen Versatzstücken ist zentral für das Modell der »Conservative Womanhood«. Im Juni 2025 veranstaltete die MAGA-Jugendorganisation »Turning Point USA« ein »Young Women’s Leadership Summit« in Texas. 3000 Teilnehmerinnen zwischen 16 und 26 Jahren diskutierten dort ihre Vision einer neuen konservativen Weiblichkeit. Eine MAGA-Frau zu sein, so die Botschaft, bedeute keineswegs, auf erfüllende Berufstätigkeit und Karriere zu verzichten. Aber Frauen sollten mit dem Kinderkriegen nicht warten, bis es womöglich zu spät ist – angesichts der hohen Zahlen von ungewollt kinderlosen Frauen kein ganz dummer Ratschlag. Auch die Warnung, dass maximaler Einsatz für den Beruf und zugleich maximaler Einsatz für die Familie unmöglich ist, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, sondern die Realität. Die Botschaft des Kongresses an junge Frauen war, weder dem traditionellen Patriarchat zu glauben, dass eine gute Frau nicht berufstätig sein könne, noch dem emanzipatorischen Imperativ, wonach eine vernünftige Frau ihre Karriere an erste Stelle setzen muss. Vielmehr sei es möglich, beides zu vereinbaren, ohne sich dabei zu überfordern, wenn man bewusst Prioritäten setzt. »Karrierefrauen« sind im MAGA-Milieu durchaus akzeptiert – als legitime Ausnahmen von der Regel. Das Narrativ lautet, dass zwar normalerweise Männer in der Öffentlichkeit und Frauen in der Häuslichkeit wirken, aber nicht im Sinne einengender Rollen, sondern als statistische Evidenz, wie sie sich in rechten Parteien eingependelt hat: 10 bis 20 Prozent Frauen, 80 bis 90 Prozent Männer. Frauen in höchsten Spitzenämtern wie Leavitt und öffentliche Prominente wie Neeleman können somit als Heldinnen gefeiert werden, ohne dass sich alle Frauen an ihnen messen müssen. 

Das Versprechen einer konservativen, nicht feministischen, aber doch frei gewählten Weiblichkeit ist der entscheidende Talking Point dabei, Frauen für rechtsautoritäre Bewegungen zu rekrutieren – ob im christlichen Fundamentalismus, im Islamismus oder in anderen Varianten. Das weibliche Publikum wird über vermeintlich unpolitische Themen wie Kochen, Kleidung, Kinder, Lebensstil angesprochen und dann sukzessive rechtsautoritären Gedankenwelten nähergebracht. Das ist deshalb für den Aufstieg des Rechtsautoritarismus wichtig, weil Frauen in der Regel weniger affin für rechtsextreme Bewegungen sind als Männer. Sie mögen das dort gepflegte testosterongetränkte Mackertum nicht und sind gleichzeitig zurückhaltender gegenüber extremistischen Positionen. Hier leistet die Propaganda der »sanften« Lifestyle-Medien eine wichtige Vermittlungsarbeit, deren Effektivität bereits Früchte trägt. 

Die Politisierung der »weibliche Sphäre« im postpatriarchalen Autoritarismus 

Schon der Nationalsozialismus hat Ähnliches praktiziert. Das Hitler-Regime entzog Frauen zwar ihre staatsbürgerlichen Rechte und verwies sie in eine häusliche Sphäre, doch zugleich wurde diese Sphäre nicht, wie im klassischen Patriarchat, als etwas tatsächlich Privates behandelt, sondern bekam eine öffentliche, politische Bedeutung. Rechtsextreme Bewegungen sind natalistisch, das heißt, sie behaupten, dass es zum Frauenleben zwingend dazugehöre, Kinder zu bekommen, und zwar möglichst viele, weil der Staat ein legitimes Interesse daran habe. Wenn also Frauen aus nationalistischen und rechtsextremen Bewegungen diese spezifisch weibliche Rolle demonstrativ übernehmen, darf das keinesfalls als »unpolitisch« interpretiert werden. Häusliche Mutterschaft ist in dieser Logik ein politischer Akt, und zwar in emanzipatorischen Demokratien ein Akt des politischen Widerstands, keine nur private Lebensentscheidung. 

Die Sozialwissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr hat bereits 1983 die »Mittäterschaft« von Frauen im Nationalsozialismus thematisiert und damit eine fruchtbare Debatte angestoßen.12 In Bezug auf die Terrorgruppe »Islamischer Staat« hat die Juristin Dilken Celebi einen ähnlichen Mechanismus beschrieben: »Die Frauenrolle war nicht auf die Hausfrauenrolle und Kindererziehung beschränkt, sondern sie waren innerhalb und außerhalb des IS-Territoriums in der Rekrutierung anderer Frauen, der Verbreitung der Propaganda, des Fundraising und im Arrangieren von Ehen aktiv. Über die Jahre übernahmen sie auch kämpferische und sittenpolizeiliche Rollen.«13 Auch für die »Frauenbewegungen« der christlichen Rechten in den USA, im orthodox-nationalistischen Russland und anderswo gilt das: Die »weibliche Sphäre«, die im traditionellen Patriarchat als »privat« geschützt, also dem staatlichen Einfluss entzogen werden sollte, wird im postpatriarchalen Autoritarismus ausdrücklich politisiert. Diese wichtige Rolle von Frauen und Geschlechterdiskursen für die Rekrutierung von Mitgliedern und eine narrative Diskursverschiebung nach rechts wird von der klassischen Politikwissenschaft immer noch unterschätzt, weil sie solche vermeintlich »privaten« Aktivitäten nicht als politisch identifiziert. Dass Rechtsautoritäre gerade die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit »Gender« so vehement bekämpfen und universitäre Gender Studies meist als Erstes verboten oder an freier Forschung gehindert werden, ist keineswegs nur ein sexistischer Spleen, sondern hat gute Gründe: Wer keine Genderforschung betreibt, kann rechtsextreme Bewegungen nicht verstehen, kann nicht beschreiben, wie sie funktionieren, weiß nicht, warum ihr kultureller Durchmarsch funktioniert – und hat ihnen daher auch wenig entgegenzusetzen. 

Im Feminismus bleibt die Auseinandersetzung mit ultrakonservativen Frauen oft auf der Ebene einer bloßen Skandalisierung ihrer schieren Existenz stecken.

Auch im Feminismus bleibt die Auseinandersetzung mit ultrakonservativen Frauen jedoch oft auf der Ebene einer bloßen Skandalisierung ihrer schieren Existenz stecken. Wir haben noch keine Antwort darauf gefunden, dass ihr Auftreten zwar Propaganda für Rechtsextremismus ist, aber eben nicht nur das. Freiwilligkeit, »consent«, ist ein zentrales feministisches Anliegen, und daher ist die Beteuerung der konservativen Influencerinnen, sie würden das alles freiwillig machen, kein Argument, das sich so einfach beiseiteschieben lässt. Die Schwierigkeit liegt darin, dass konservative Lebensentscheidungen von Frauen nicht für sich genommen problematisch sind, sondern das erst im Kontext des politischen Rechtsrucks werden, in dessen Dienst sie sich stellen. Wäre Care-Arbeit ein selbstverständlicher Bestandteil volkswirtschaftlicher Theorien und nicht mit ökonomischer Abhängigkeit verbunden, wäre es unproblematisch, diese Tätigkeiten als positives Lebensideal darzustellen. Würden islamistische Bewegungen den Hidschab nicht als sexistisches Unterdrückungsinstrument und Symbol für eine autoritäre Ideologie missbrauchen, wäre es vollkommen egal, ob eine Frau ihn trägt oder nicht. Und so weiter. Es kann jedenfalls im Feminismus nicht darum gehen, Frauen bestimmte Verhaltensweisen und Lebensentwürfe nahezulegen und von anderen abzuraten, sondern nur, die Freiheit von Frauen und queeren Personen tatsächlich zu vergrößern – auf einer strukturellen Ebene genauso wie auf einer individuellen

Der Beitrag basiert auf dem Buch der Autorin, »Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern«, das im Aufbau Verlag erschienen ist. 

1 Nach einer Studie aus dem Jahr 2016 liegt der Frauenanteil in überregional relevanten extrem rechten Parteien bei rund 20 Prozent, in nichtparteilichen rechtsextremen Organisationen zwischen 10 und 33 Prozent, vgl. (R)echte Männer und Frauen. Analysen zu Geschlecht und Rechtsextremismus, amadeu-antonio-stiftung.de, 2024.

2 Vgl. Abgeordneten-Statistik: Der neue Bundestag in Zahlen, bundestag.de, 24.2.2025.

3 Vgl. René Muschter, US-Wahl 2024 – Wahlverhalten nach Geschlecht, de.statista.com, 11.11.2024.

4 Vgl. Wer wählte die AfD – und warum?, tagesschau.de, 24.2.2025.

5 »In patriarchy, men feel a sense of duty to women, children, and the larger community.« Amy Mastrine: Patriarchy Protects Women Better Than Modern Feminism eviemagazine.com, 7.9.2020.

6 Brittany Hugoboom zit. nach Julia Werner, Vom Glück auf dem Melkschemel, sueddeutsche.de, 30.6.2025.

7 Von »pastelliger Hochglanz-Gülle« spricht etwa ein feministischer Instagram-Account (Feminist Shelf Control: Evie Magazine: Völkisches Denken, Rassismus und Rechtsextremismus, »getarnt« als glossy Magazin für Frauen, instagram.com, 7.7.2025); »Rassistisch, verschwörungstheoretisch, das Patriarchat verherrlichend und pronatalistisch, also alles, was eine moderne Frau eigentlich nicht lesen will«, schreibt Julia Werner in der »Süddeutschen Zeitung«, a.a.O.

8 Vgl. Deborah F. Hellmann, Gewalt gegen Frauen in Deutschland, bpb.de, 2.3.2023.

9 Meike Stoverock, bsky.app, Post vom 13.8.2025.

10 Vgl. Trump empfängt Tech-Bosse im Weißen Haus, zdfheute.de, 5.9.2025.

11 Die Ähnlichkeiten zwischen sozialistischen und pietistischen Moralvorstellungen hat Dorothee Markert in ihrem Buch »Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe« untersucht (BoD 2010).

12 In einem Beitrag in der Zeitschrift »Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis«, Band 8, 1983, vgl. auch Christina Thürmer-Rohr: Mittäterschaft von Frauen. Die Komplizenschaft mit der Unterdrückung, in: Ruth Becker und Beate Kortendiek (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, Wiesbaden 2010 (3. Aufl.).

13 Dilken Celebi, Islamischer Staat, Frauen und ihre Täterinnenrolle im Völkerstrafrecht, voelkerrechtsblog.org, 27.7.2023.

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