Ausgabe Mai 1991

Der entsorgte T 34

Auf hohem Sockel stand jahrzehntelang am Grenzkontrollpunkt Drewitz zwischen Berlin (West) und der DDR ein sowjetischer Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg, keine künstlerisch verfremdete Nachbildung, sondern das Original eines T34, des legendären Vollstreckers so mancher Siege (der einen) und Niederlagen (der anderen). Der Sockel steht vorerst noch, der Panzer ist seit einiger Zeit entfernt. Ist da etwas Anstößiges beseitigt worden? Wozu hätte das Denkmal den vorbeifahrenden Deutschen einen Anstoß geben können?

In den bildungsbürgerlichen Feuilletons der führenden Zeitungen des bundesrepublikanischen Altreichs, die mit der Wende ihren Einfluß auf die politischen Leitartikel gefestigt haben, wird in frisch gewonnener Ungeniertheit von der Geschichte fabuliert, der das vereinigte Deutschland sich bewußt werden müsse und gewachsen sein. Der entsorgte T34 und das neue Geschichtsbewußtsein. Wovon zehrt historisches Bewußtsein: aus Erinnerung oder Verdrängung? Wie unanstößig muß es sein, damit es nützlich ist?

Aber ich ziehe die Frage nach der Nützlichkeit zurück. Sie unterstellt die Absicht zu manipulieren und versetzt so die Bewußtseinsstiftungen der politisierenden Feuilletonisten ins Verschwörerische, indes doch nur die Lust an den eigenen Phrasen ausgelebt wird. Absichten lassen sich aufdecken.

Mai 1991

Sie haben etwa 29% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 71% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema